Wenn das Essen knapp wird

Jeden Mittag ein warmes Essen auf den Tisch bringen – es gibt Familien in Schwäbisch Gmünd, die sich das nicht mehr leisten können, weiß Linke-Stadtrat Sebastian Fritz. Etwa die alleinerziehende Mutter, die lange arbeitslos war und nun im neuen Halbtagsjob in Kurzarbeit musste. Sie hat monatlich so wenig Geld zur Verfügung, dass ihre Kinder das Mittagessen in der Schule aus dem Bundesprogramm Bildung und Teilhabe finanziert bekommen. Vorausgesetzt, die Schule und die Mensa sind geöffnet. Woche um Woche spitzt sich die finanzielle Situation dieser und anderer Familien weiter zu. Daher hat sich Sebastian Fritz im Verwaltungsausschuss des Gemeinderats mit diesem Problem an die Stadtverwaltung gewandt. Denn „da muss was passieren, die Leute haben Hunger“, betont er.

Oberbürgermeister Richard Arnold verwies auf das Programm „Gmünd hilft“. Durch dieses haben Bedürftige Gutscheine für Lebensmittel oder in Ausnahmefällen Bargeld bekommen, berichtet Hans-Peter Reuter, Leiter des Amts für Familie und Soziales, auf Nachfrage. Dafür könne die Stadt auf Fördertöpfe wie die Spendengelder von „Gmünder machen Wünsche wahr“ oder auf Mittel der Aktion Mensch zugreifen, die allerdings demnächst zur Neige gingen. „Wir können in einzelnen Notfällen helfen, aber nicht flächendeckend, das würde unsere Mittel übersteigen“, sagt der Sozialamtsleiter. Zumal in Schwäbisch Gmünd „nicht wenige Familien“ betroffen seien. Zu jenen, die bereits vor der Pandemie auf Sozialleistungen angewiesen waren, kämen nun Soloselbstständige hinzu, die nicht arbeiten dürfen. Auch sie seien zum Teil auf Hartz IV angewiesen.

Da falle es finanziell stark ins Gewicht, ob die Kinder in der Schule mit Essen versorgt sind oder nicht. Landratsamtssprecherin Susanne Dietterle verweist darauf, dass Schulmittagessen während der Pandemie seit März 2020 und bis März 2021 auch dann vom Landkreis gefördert werden können, wenn die Mahlzeiten nicht zusammen eingenommen, sondern geliefert werden. Doch das sei in einer flexiblen Betreuungssituation, wie sie momentan besteht, nicht umsetzbar, sagt Stadtsprecher Markus Hermann dazu.

Da muss was passieren, die Leute haben Hunger.

Sebastian Fritz, Linke-Stadtrat

Wo das Essen knapp wird, ist der Gmünder Tafelladen eine Anlaufstelle. Im Frühjahr 2020 hat das Deutsche Rote Kreuz mit Lebensmitteln gefüllte Kisten der Tafel auf Kosten der Stadt zu Bedürftigen ausfahren lassen. Das Angebot gibt es nicht mehr, seitdem der erste Lockdown 2020 beendet und im Frühsommer das Leben wieder hochgefahren war, sagt Tafelladenleiter Stefan Witzke. Er und sein Team konnten damals auf viele Lebensmittelspenden aus der Industrie und von Discountern zurückgreifen. Die Spenden seien ab Herbst stark zurückgegangen. „Vor allem bei Obst und Gemüse sieht es mau aus“, bedauert Witzke und vermutet, dass die Leute in den Lebensmittelläden mehr einkaufen und hamstern – und so weniger Spenden für den Tafelladen übrig bleiben. Denn er beobachte häufiger, dass die Obst- und Gemüseregale in den Discountern abends beinahe leer seien. Möglicherweise bestellten die Filialleiter dort aber mittlerweile auch passgenauer.

Wenn auch weniger Obst und Gemüse, so können die Tafelladenmitarbeiter doch nach wie vor täglich etwas bei den Discountern abholen, das sie günstig an Kunden mit Berechtigungsschein weitergeben. Damit die Abstandsregeln im Tafelladen gewahrt bleiben, dürfen aktuell zeitgleich lediglich acht Leute hinein. Der „harte Kern“ sei nach wie vor täglich da, sagt Witzke, aber er beobachte, dass einige frühere Stammkunden während der Pandemie fernbleiben. Möglicherweise aus Angst vor Ansteckung, vermutet er. Doch er sehe auch einige Kunden im Tafelladen, die ihre Berechtigungsscheine als Bezieher von Sozialleistungen noch nicht lange haben.

„Gmünd hilft“ ist erreichbar unter der Telefonnummer (07171) 6035030. Dort können sich alle Bedürftigen melden. Die Mitarbeiter vom Amt für Familie und Soziales suchen dann die passende Unterstützung, wenn möglich.

Mehr Sozialleistungen beantragt – keine höhere Inanspruchnahme von Familien

Die Stadtverwaltung hat beider Auszahlung von Sozialleistungen 2020 mehr Fälle registriert als im Jahr zuvor, wie Hans-Peter Reuter, Leiter des Amts für Familie und Soziales, aufzeigt: Die Stadt zahlte 2019 an 1552 Bürger insgesamt 1 008 414 Millionen Euro Wohngeld aus. In den ersten neun Monaten 2020 waren es 1 066 128 Euro für 1948 Personen. Das letzte Quartal 2020 ist noch nicht ausgewertet. Doch schon im ersten dreiviertel Jahr waren es 25 Prozent mehr Menschen, die von Wohngeld abhängig waren als 2019, fasst Hans-Peter Reuter zusammen. Vom Bundesprogramm „Bildung und Teilhabe“, das an die Auszahlung von Sozialleistungen wie Wohngeld gekoppelt ist, profitierten 2019 in Gmünd insgesamt 260 Kinder. Im vergangenen Jahr waren es ab Januar bis zum Stichtag 2. Dezember 416 Kinder. Eine Zunahme von 60 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Der Landkreis ist mit dem Jobcenter für die Auszahlung von Leistungen nach dem Sozialgesetzbuch (SGB) II zuständig. Dazu zählt das Arbeitslosengeld II, besser bekannt als Hartz IV. Insgesamt war 2020 ein leichter Anstieg der Inanspruchnahme von SGB-II-Leistungen für Kinder zu verzeichnen, berichtet ein Jobcentersprecher: „Der Anstieg liegt leicht unter dem Anstieg der gesamten Bedarfsgemeinschaften. Das heißt, wir können zurzeit keine höhere Inanspruchnahme von Familien mit Kindern feststellen.“ Landratsamtssprecherin Susanne Dietterle verweist auf Sonderzahlungen für Familien als Teil des Corona-Konjunkturpakets der Bundesregierung. Dieses „Bonus-Kindergeld“ sei im September 2020 mit einer 200-Euro-Rate, im Oktober mit 100 Euro Familien mit Kindern bewilligt worden. Bei anderen Leistungen sei dieser Bonus nicht angerechnet worden. jul

© Schwäbische Post 31.01.2021 15:59