Warum es diesmal sechs Abgeordnete von der Ostalb geben könnte …

22. September 2017  Bundestagswahl 2017, Presse, Redaktion

So viele Abgeordnete wie nie könnten sich in der nächsten Legislaturperiode in Berlin im Bundestag für die Region, für den Ostalbkreis einsetzen. Ziemlich sicher drin sind vier Abgeordnete. Doch in diesem Jahr könnte es etwas auf der Ostalb nie Dagewesenes geben: dass sechs Abgeordnete der Ostalb-Kandidaten ins Parlament gewählt werden. Derzeit sind’s nur drei.

Die zwei Ziemlich-sicher-Abgeordneten von der Ostalb
Was, bei allem gebotenen Respekt vor den Bürgerinnen und Bürgern und deren Wahl, als sicher gelten kann: dass in den Wahlkreisen Backnang/Schwäbisch Gmünd und Aalen/Heidenheim die beiden CDU-Kandidaten, beides alte bundespolitische Hasen, direkt gewählt werden. Norbert Barthle holte bei der vergangenen Wahl 55,4 Prozent der Erststimmen im Gmünder Raum. Roderich Kiesewetter kam 2013 sogar auf 57,6 Prozent in Aalen. Auch wenn die CDU im Land nach dem aktuellen Baden-Württemberg-Trend verliert (2013 hatte die Union 46 Prozent geholt, aktuelle Umfragen sehen sie im Ländle bei 42 Prozent), so müsste es schon mit dem Teufel zugehen, wenn Barthle und Kiesewetter nicht Stimmenkönige würden in ihren jeweiligen Wahlkreisen. Daran werden die – mittlerweile offenbar beigelegten – Finanzprobleme des CDU-Kreisverbandes nichts ändern und auch nicht die eine oder andere schlechte Äußerung Kiesewetters über die politische Konkurrenz. Und Norbert Barthle, Staatssekretär im Verkehrsministerium, sitzt fest im Sattel in Gmünd. Zumal die SPD nicht analog zum prognostizierten CDU-Verlust zulegt, sondern laut SWR-Trend derzeit bei 17 Prozent im Land dümpelt – 2013 waren es dort 20,6 Prozent.

Die ziemlich sicheren Zweiten von der Ostalb
Auch die Genossen von den Ostalb-Wahlkreisen werden höchstwahrscheinlich im nächsten Bundestag gut vertreten sein. Denn sowohl Leni Breymaier (Aalen) als auch Christian Lange (Gmünd) sind über die Landesliste der SPD abgesichert, sie führen diese sogar an: Leni Breymaier als Landesvorsitzende ist auf Platz 1. Christian Lange, Staatssekretär im Bundesministerium für Justiz, hievten die Genossen beim Landesparteitag im März in Gmünd auf Platz 2. So wenig Prozente kann die SPD gar nicht bekommen, dass die beiden nicht im Bundestag wären. Denn bei den Landeslisten geht’s um die Zweitstimme. Kleiner Exkurs und etwas verkürzt: Wenn Partei A bundesweit 20 Prozent der Zweitstimmen erhalten hat, stehen ihr 20 Prozent der Sitze im Bundestag zu. Momentan besteht der Bundestag aus (mindestens) 598 Abgeordneten. Davon werden 299 direkt in den Wahlkreisen gewählt. Die übrigen 299 werden über die Landeslisten der Parteien gewählt. Entscheidend für die Zusammensetzung des Bundestages sind jedoch die Zweitstimmen-Anteile der einzelnen Parteien. Wer also weit vorne steht auf der Landesliste seiner Partei, der hat gute Chancen.

Die mit Chancen auf Mandat fünf und sechs
Solche Chancen rechnen sich im Ostalbkreis neben Breymaier und Lange auch Margit Stumpp (Grüne) und Alexander Relea-Linder (Linke) aus. Margit Stumpp tritt in Aalen/Heidenheim an. Sie wurde auf Platz 13 der Landesliste gewählt. Da kann es ganz knapp hergehen: Man kann davon ausgehen, dass sie zwischen 13 und 14 Prozent Landes-Grün braucht, um in den Bundestag einzuziehen. Derzeit – nach dem September-Trend – liegen die Grünen im Land bei 12 Prozent. Weswegen Stumpp um jede (Zweit-)Stimme für das dritte Wahlkreismandat kämpft – was nicht jedem etwa im SPD-Lager gefällt. Denn wenn zum Beispiel viele Aalener SPD-Anhänger aus taktischen Gründen Grün wählen, kann das Breymaier nicht gefallen: Sie verlöre an politischem Gewicht in Berlin, wenn sie als Landesvorsitzende in ihrem Wahlkreis ein unterdurchschnittliches Ergebnis hat.

Denkbar ist auch, dass taktische Überlegungen sonst eher konservativer Wähler in Aalen diesmal in Richtung Grün gehen: einmal, um der Ostalb mehr Gewicht zu geben. Und weil es mittlerweile viele gibt, die gerne eine schwarz-grüne Koalition in Berlin regieren sehen möchten.

Ganz ähnlich liegt der Fall beim Schwäbisch Gmünder Kandidaten der Linken, Alexander Relea-Linder. Er ist auf Platz 8 der Landesliste. Wenn die Linken im Land in 7,5 Prozent holen, könnte es ihm reichen. Relea-Linder könnte von taktischen Wählern profitieren, die eigentlich bei der SPD ihr Kreuz machen – aber angesichts des sicheren Platzes von Christian Lange einen weiteren Gmünder Kandidaten links von der Mitte in Berlin haben wollen. Ein wenig hängt das bei ihm – wie bei Stumpp – auch von den Ausgleichsmandaten ab. Nach dem SWR-Landestrend fürs Land liegen die Linken bei 6 Prozent.

Die Landeslisten – und was sie bedeuten
Mit der Zweitstimme entscheiden sich die Wähler nicht für eine Person, sondern für die Landesliste einer Partei. Auf dieser Liste stehen die Kandidaten, die eine Partei für das Bundesland nach Berlin schicken möchte.

Dabei kommt es auf die Reihenfolge der Kandidaten auf der Liste an, denn die Parteien entsenden ihre Kandidaten im Verhältnis zu ihren gewonnenen Zweitstimmen nach Berlin. Wer oben steht, kommt eher dran.

Bei der Sitzverteilung im Bundestag gilt dann folgendes: Zuerst werden die Plätze an die Direktkandidaten einer Partei vergeben. Dann folgen die Kandidaten von den Landeslisten.

Vereinfacht gesagt, kommt die eine Hälfte der Abgeordneten also über die Erststimme in den Bundestag. Die Gesamtzahl der Sitze, die eine Partei im Bundestag erhält, wird dagegen durch die gewonnenen Zweitstimmen bestimmt.

Überhangmandate entstehen, wenn eine Partei bei der Wahl zum Bundestag mehr Direktmandate über die Erststimmen erhält, als ihr Sitze im Bundestag gemäß der Anzahl der Zweitstimmen zustehen.
© Gmünder Tagespost 21.09.2017 21:00