Tempo 30 in der „Perlenstadt“?

Bessere Luft, weniger Unfälle, weniger Lärm: Vieles spricht für eine Ausweitung eines Tempolimits von 30 km/h in den Innenstädten. Auch in Gmünd liegt ein ein Antrag vor – nicht alle sind begeistert.

SCHWÄBISCH GMÜND. Was Schwäbisch Gmünd mit der Weltstadt Paris gemeinsam hat? Ein Tempolimit von 30 km/h in der Innenstadt – zumindest, wenn es nach dem Arbeitkreis Stadtentwicklung und dem Arbeitskreis Mobilität und Verkehr ginge.
Würde Gmünd Modellstadt für eine Tempo-30-Innenstadt, stünde es in einer Reihe mit Aachen, Augsburg, Freiburg im
Breisgau, Hannover, Leipzig, Münster und Ulm. Diese sieben Städte sind bereits Teil eines Pilotprojektes, in dem großflächig Tempo 30 in Innenstädten getestet werden soll, wie der Deutsche Städtetag mitteilt. Nur auf den
Einfallstraßen und wichtigen Verkehrsadern sollen dann noch 50 km/h Höchstgeschwindigkeit gelten, im Rest des Stadtgebiets wären 30 km/h die Regel. Sebastian Fritz von den Gmünder Linken betont, dass es sich nicht um ein flächendeckendes Tempolimit handele: „da gehen bei den Leuten sofort die Scheuklappen zu.“ Vielmehr handele es sich um eine „Ausweitung der Tempo-30-Zonen“.

Fritz war mit seiner Partei maßgeblich an der Erstellung des Antrags beteiligt: „Der Antrag kam von den Linken, und wurde dann interfraktionell von der SPD, den Grünen, den Freien
Wählern Frauen und der Bürgerliste unterstützt.“ Der Antrag sei vor allem auch ein Appell an die neue Bundesregierung, den Kommunen mehr Kompetenzen bei der Festlegung von Tempolimits zuzugestehen, erklärt Fritz. Bisher sei dies nämlich nicht möglich.
Doch nicht alle Fraktionen in Gmünd halten es für eine gute Idee, Tempo 30 auszuweiten. Aus Sicht von Thomas Kaiser, Stadtrat und CDU-Mitglied, handele es sich dabei um bloßen „Aktionismus“, die Partei unterstütze das Vorhaben daher nicht. „Wir müssen die Leichtigkeit des Verkehrs bewahren, das geht nur mit Tempo 50“, so Kaiser. Natürlich sei es
trotzdem wichtig, dass in den bereits ausgewiesenen Tempo-30-Zonen Autofahrer auch auf Fahrradfahrer und Fußgänger Rücksicht nähmen. Er halte es für möglich, dass sich bei einem Tempolimit von 30 km/h alle Verkehrsteilnehmer, Fußgänger eingeschlossen, sicher auf der Straße aufhalten können. Doch mehr Straßen in
Gmünds Innenstadt als Tempo-30-Zone auszuweisen, sei ein zu großer Aufwand für die Stadt und nicht verhältnismäßig.
Fritz sieht das anders: Ein erweitertes Tempolimit von 30 km/h sei die billigste Maßnahme, um Lärmbelastung zu mindern und Abgase zu reduzieren. Zudem sieht er das Projekt nur als einen von vielen Aspekten der Mobilitätswende. „Das muss konzeptionell gedacht werden, als Teil von etwas Größerem.“ Eine Ausweitung der Tempo-30-Zonen bringe neben Umweltund Lärmschutz auch mehr Sicherheit für alle Verkehrsteilnehmer: „Es gibt Studien die belegen, dass es mit einem Tempolimit von 30 km/h in Innenstädten zu weniger Unfällen kommt.“ Für Fritz ist der Antrag Anstoß zur Diskussion über die Mobilitätswende. Bereits 2018 waren die Rektor-KlausStraße und die Klösterle-Straße zu Tempo30-Zonen erklärt worden, immer zwischen sieben und 17 Uhr. So sollte Rücksicht auf die Schüler der angrenzenden Schulen sowie die Bewohner des Seniorenheimes genommen werden.
Insgesamt gebe es in Gmünd sechs solcher Straßenabschnitte, wo zeitweise andere Tempolimits gelten, teilt Pressesprecher Markus Herrmann mit. Weiterhin gebe es 12 Tempo-30-Abschnitte und eine größere 30er-Zone. Die Situation in Gmünd sei allerdings nicht vergleichbar mit anderen Städten, die Tempo 30 schon ausgeweitet hätten. „Gmünd ist eine Art Perlenstadt: Sie liegt wie eine Perle in der Muschel, und aufgrund des historischen Stadtcharakters ist die Verkehrssituation sehr komplex.“ Dies müsse bei der Planung von solcher Vorhaben unbedingt berücksichtigt werden. „Ein konstanter Verkehrsluss ist am umweltverträglichsten, hat also Priorität in der Planung“, so Herrmann. Kleinste Veränderungen an Ampeln oder Tempolimits an einer Stelle könnten woanders negative Auswirkungen haben,
daher sei immer das Gesamtbild zu betrachten, um dann die Optionen möglichst clever zu kombinieren. „Wir müssen
da lexibel bleiben, ein sklavisches Einhalten von Tempo 30 im Stadtgebiet sieht der Antrag ja so auch nicht vor“, erklärt Herrmann. Er sehe wie Fritz die Debatte als einen Teil der Mobilitätswende und deren Umsetzung. „Der Antrag wird in einer der nächsten Gemeinderatssitzungen diskutiert“, kündigt er an. Es werde sicher nicht einfach, denn man müsse oft auch von Fall zu Fall entscheiden, nicht pauschal. „Da kommen viele Faktoren zusammen, aber die Mühe machen wir uns.“

Info:

Tempo-30-Projekt: In Schwäbisch Gmünd unterstützen die Linke, die Grünen, SPD, Freie Wähler Frauen und die Bürgerliste den Antrag, Tempo-30-Zonen auszuweiten. Nur auf Einfalls- und wichtigen Durchgangsstraßen gilt dann noch 50 km/h als Tempolimit. Sieben deutsche Städte beteiligen sich bereits an dem Pilotprojekt.
Copyright Rems Zeitung, 12.01.2022 Sarah Fleischer