Straßennamen brauchen Zeit

7ec5c325-8a14-4ed5-89e0-0e14a0944806.jpgDie Anträge haben Monate auf dem Buckel: SPD und Linke im Gemeinderat wollen, dass die Franz-Konrad-Straße, der Hindenburgplatz und die Richard-Bullinger-Straße umbenannt werden. Entscheiden soll der neue Gemeinderat. Vielleicht auch nochmal über den Petersweg. Wann, ist offen.

michael länge

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Schwäbisch Gmünd. Sie liegen in Gmünds Stadtarchiv und harren der Entscheidungen, die da kommen: 16 Buchstaben, die ab 1936 an der südlichen Seite der heutigen Klösterleschule hingen. Bis 2012 standen sie für „Maria-Kahle-Schule“, den früheren Namen des Gebäudes. Dann sind sie abgehängt worden, Ergebnis einer etwa eineinhalb Jahre dauernden Diskussion im Gemeinderat und unter Bürgern. Denn nachdem die Klösterleschule im Sommer 2010 in Brand geraten war, kam in Gmünd eine Diskussion über den früheren Namen „Maria-Kahle-Schule“ auf. Die Schule war drei Jahre nach Hitlers Machtübernahme nach der sauerländischen Schriftstellerin benannt worden. In der Diskussion ab 2010 wurde sie mit dem nationalsozialistischen Unrechtsregime in Verbindung gebracht. Stadträte und Bürger machten sich stark dafür, den Namenszug „Maria-Kahle-Schule“ von dem Gebäude zu entfernen. Ein Kernpunkt dabei: Wie geht Gmünd mit jüngerer Vergangenheit um? Zur Wahl stand: die Buchstaben entfernen oder durch eine ergänzende Tafel erläutern. Der Gemeinderat entschied mit großer Mehrheit für Ersteres. Damit jedoch war die Diskussion über die jüngere Vergangenheit nicht zu Ende. Im Gegenteil: Gmünd war sensibilisiert. Der Begriff der Erinnerungskultur – die Kultur, die eine Stadt in Bezug auf die Erinnerung ihrer Vergangenheit pflegt – hielt Einzug. Gmünd diskutierte über den ersten Oberbürgermeister der Nachkriegszeit, Franz Czisch, und wie die Stadt mit ihm umgegangen ist. Die Diskussion mündete in einen Preis für Bürgercourage im Gedenken an Franz und Katharina Czisch. Gmünd diskutierte und diskutiert über das Kriegerdenkmal am unteren Marktplatz und den Bildhauer Jakob Wilhelm Fehrle.
Und Gmünd diskutierte und diskutiert über Straßennamen. Zunächst über den Petersweg auf dem Rehnenhof. Im September 2012 wurde – nach emotionaler Debatte – aus dem ursprünglichen Namensgeber Carl Peters, der laut Stadtverwaltung „im 19. Jahrhundert als Kolonialbeamter die Bevölkerung in Deutsch-Ostafrika brutal unterdrückt“ hatte, der schlesische Maler Hans Peters. Der Maler wurde flugs zum neuen Namensgeber. Seine Lebensdaten zieren heute das Straßenschild auf dem Rehnenhof. Eine schnelle Flucht aus der Geschichte.
Im Raum stehen heute Anträge der SPD und der Linken im Gemeinderat. Die SPD-Fraktion will, dass die Franz-Konrad-Straße und der Hindenburgplatz umbenannt werden. Die Linke-Fraktion will, dass die Richard-Bullinger Straße einen anderen Namen erhält. Konrad war zwischen 1934 und 1945 Gmünds Oberbürgermeister, von den Nationalsozialisten eingesetzt. Bullinger war Angestellter im Generalsrang im Reichsluftfahrtministerium. Hindenburg war ab 1925 Reichspräsident, er ernannte Hitler 1933 zum Reichskanzler. An ihnen wird die Diskussion aufflammen, die beim Schriftzug Maria-Kahle-Schule geführt wurde: entfernen oder erläutern. „Wenn wir die Namen einfach tilgen, blenden wir einen wichtigen Teil der Zeitgeschichte aus“, sagt Stadtsprecher Markus Herrmann. Entscheiden wird dies der Gemeinderat. Wann die Entscheidung fällt, ist offen. Herrmann sieht Stadträte, Bürger und Stadtverwaltung jedoch nicht am Anfang einer Diskussion, sondern mittendrin. Diese Diskussion und der Weg zur Entscheidung sind für Herrmann das eigentlich Spannende. Denn die Verwaltung rückt dabei die Personen in den Blick, nach denen die Straßen benannt sind. Zum Beispiel mit Vorträgen, die helfen sollen, die Rollen und Funktionen der Namensgeber zu klären. Über Hindenburg sprach der Stuttgarter Historiker Dr. Wolfram Pyta im Stadtgarten, über Franz Konrad die Historikerin Dr. Cornelia Hecht aus dem Stuttgarter Haus der Geschichte. Auch soll erforscht werden, unter welchen Aspekten die Straßen benannt wurden, weshalb also die Stadt 1963 eine Straße am Rehnenhof nach Franz Konrad benannt hat. Für die Entscheidung will sich die Stadtverwaltung Zeit nehmen. Zumal sie auch von den Fraktionen, die die Umbenennungen beantragt haben, keinen Druck verspürt. „Was wir nicht wollen“, sagt Herrmann klar, „ist eine schnelle Einteilung in Schwarz und Weiß“, in Gut und Böse also. Was der Stadtsprecher sich aber vorstellen kann: Dass der Oberbürgermeister, der „nicht mit vollem Herzen“ hinter dem Namenstausch von Carl zu Hans Peters stand, bereit ist, diese Entscheidung, sollte sie als Mogelpackung empfunden werden, nochmal aufzugreifen.
Die 16 Buchstaben indessen, sie liegen nach wie vor im Stadtarchiv und warten, bis sie eines Tages vielleicht Einzug finden in eine Ausstellung über die jüngere Gmünder Geschichte.

© Gmünder Tagespost 08.01.2015 20:42:27