Stadt bremst eine Autowerkstatt

Seit 70 Jahren gibt es die Autowerkstatt Berroth an der Lorcher Straße. Ob es sie dort noch länger gibt, ist offen. Der jetzige Inhaber Jens Pfendert jedenfalls weiß nicht, wie es weitergehen soll, nimmt zunächst keine neuen Aufträge mehr an. „Das Ziel, das ich mir gesetzt habe, hat sich mit einem Mal zerschlagen“, beschreibt er seine Situation. Die Schuld dafür gibt er der Stadtverwaltung und dem Gemeinderat.

Dessen Mitglieder haben nämlich auf Vorschlag der Verwaltung beschlossen, das Vorkaufsrecht für die Anwesen Lorcher Straße 45 und 45/1 auszuüben. Die Stadt grätscht damit in einen Mitte November abgeschlossenen Kaufvertrag, mit dem der Sohn des langjährigen Werkstattbesitzers das Anwesen an die Schwester von Jens Pfendert veräußerte. Vereinbart war ein Kaufpreis von 90 000 Euro.

Dieser Kaufpreis, erläutert Jens Pfendert im Gespräch mit der Gmünder Tagespost, habe einen besonderen Grund. Pfendert arbeitete seit 36 Jahren in der Werkstatt Berroth, hat dort seine Lehre absolviert. Zwischen ihm und der Familie Vogt habe ein besonderes Verhältnis bestanden: Pfendert habe nicht nur als Automechaniker gearbeitet, sondern darüber hinaus auch noch alle Arten von Reparaturen und notwendigen Dienstleistungen für das alternde Ehepaar erledigt – vom Winterdienst bis zur Reparatur von Wasserhähnen und ähnlichem. Deshalb habe Vogt senior schon festgelegt, dass Pfendert das Anwesen samt Werkstatt einst übernehmen sollte und Vogts Sohn habe diesen Wunsch des Vaters übernommen.

Zukunft geplant

Jens Pfendert plante nicht nur seine Zukunft mit diesem Betrieb. Sein Neffe, ebenfalls Automechatroniker, sollte mit einsteigen und später die Werkstatt weiterführen. Dafür habe er bereits seine bisherige Stelle gekündigt. Wegen des Neffen habe auch nicht er selbst die Werkstatt gekauft, sondern seine Schwester. Pfendert schmiedete bereits Pläne, um die Werkstatt am Standort aufzuwerten: Die Zufahrt verbessern, Parkplätze anlegen. Im dazugehörigen Wohnhaus habe er bereits Investitionen vorgenommen, dort wollten er und seine Schwester eine Studenten-WG einrichten und vermieten.

Nun steigt die Stadt in den Kauf ein – zu dem Preis, den Pfendert auch wegen seiner jahrzehntelangen Verbundenheit zur Familie Vogt bekam: 90 000 Euro für rund 1000 Quadratmeter Grund mit Wohnhaus und Betriebsgebäude drauf.

Das liege nicht an der Stadt. Die Familie Pfendert habe die rechtlichen Grundlagen für ihr Handeln – das Vorkaufsrecht – nicht bedacht, stellt Rathaussprecher Markus Herrmann die Rechtslage aus Sicht der Verwaltung klar.

Problematisch, so mit einem Betrieb umzugehen.

Sebastian Fritz,
Linke-Stadtrat

„Am Entstehen“

Zwar hatte Bürgermeister Dr. Joachim Bläse jüngst, als der Verwaltungsausschuss der Ausübung des Vorkaufsrechts zustimmte, dazu Stellung genommen: Die Stadt wolle Jens Pfenderts Autowerkstatt einen Mietvertrag anbieten. Allerdings hat sie längerfristig andere Pläne auf diesem Gebiet: Sie will dort das Fachmarktzentrum West ansiedeln. Die Pläne dafür, so Bläse, seien schon „am Entstehen“. Rathaussprecher Markus Herrmann versichert ebenfalls, dass die Autowerkstatt in ihrer Existenz nicht bedroht werde. Allerdings sagt er nichts darüber, wie lange diese Zusicherung gelten soll. Herrmann spricht von einem „überschauberen Zeitraum“.

Jens Pfendert jedoch unterstreicht, dass er mit der Werkstatt an dieser Stelle auch eine Zukunftsperspektive für seinen Neffen schaffen wollte. Schon der Tunnelbau habe die Werkstatt über Jahre stark benachteiligt. Nun nehme ihm die Stadt erneut die Zukunftsperspektive. Zwar gibt es mündliche Äußerungen, dass die Werkstatt an ihrem Platz bleiben könne. aber wie lange, das sage ihm niemand. Für ihn ist die Frage, welche Investitionen er noch an der Lorcher Straße tätigen kann. Und er möchte verlässliche Aussagen zur Zukunft. „Ich will’s doch nur verstehen“, sagt Jens Pfendert.

Nicht nötig

Dass auf dem Grundstück, das die Stadt sich per Vorkaufsrecht sichern wird, ein Gewerbebetrieb steht, erfuhren die Stadträte nicht in der Drucksache zu diesem Tagesordnungspunkt. Das wäre auch nicht nötig gewesen, rechtfertigt Markus Herrmann dieses Vorgehen der Verwaltung. Es sei um das Grundstück gegangen, nicht um dessen gegenwärtige Nutzung.

Da gibt es auch andere Meinungen. Linke-Stadtrat Sebastian Fritz ist der Ansicht, die Verwaltung hätte die Stadträte über die Werkstatt informieren müssen. Nachdem die Gmünder Tagespost über den Fall berichtet hat, hat er die Werkstatt besucht und mit Jens Pfendert gesprochen. Fritz glaubt nicht, dass aus dem Fachmarktzentrum West auf absehbare Zeit was wird. Drei Nachbargebäude der Werkstatt seien in jüngerer Zeit offensichtlich saniert worden und würden sicher nicht so schnell zum Verkauf stehen.

Doch unabhängig davon ist der Stadtrat mit der Vorgehensweise der Verwaltung in diesem Fall nicht einverstanden: „So mit einem Gewerbebetrieb umzugehen, halte ich für problematisch.“

© Gmünder Tagespost 28.01.2019 21:57