Rommel und kein Friede

22. September 2011  Redaktion

Im Osten Württembergs ist der Generalfeldmarschall Erwin Rommel (18911944) immer noch ein Held. Heidenheim hält an einem Denkmal zu seinen Ehren fest, und jetzt haben mehr als tausend Bürger dafür gestimmt, den Umgehungstunnel von Schwäbisch Gmünd nach „Hitlers Lieblingsgeneral“ zu benennen. Der von einer Facebook-Initiative gepushte Westernheld Bud Spencer wurde dagegen als Namensgeber abgelehnt.

Das „besonders große Schweigen“ war’s, das Wolfgang Proske herausgefordert hat. Warum war Rommel kein Thema, mal abgesehen von seinem Denkmal und der Tafel an seinem Geburtshaus? Geschichts-Vergessenheit, Ignoranz, Gleichgültigkeit, Verdrängung? Der 57-jährige Geschichtslehrer und Historiker weiß es nicht, er wusste nur, dass er dem abhelfen wollte. So hat er sich in den beiden vergangenen Jahren intensiv mit Erwin Rommel beschäftigt und ihn in dem Buch über „NS-Belastete von der Ostalb“, dessen Herausgeber er ist, verewigt (hier kann man einen Text zu Rommel aus dem Buch herunterladen). Als gebürtiger Heidenheimer, der in Schwäbisch Gmünd sein Abitur gemacht hat, war Rommel ein Pflichtkapitel.

Für Proske ist Rommel ein „gewöhnlicher Kriegsverbrecher“, ein – obwohl nicht Mitglied der NSDAP – „aus tiefstem Herzen überzeugter Nationalsozialist“, der Hitler bis zum Tode verehrt habe. Klar, dass sich Proske für die Umbenennung der Rommel-Kaserne in Dornstadt nahe Ulm ausspricht und gegen das Rommel-Denkmal in Heidenheim ist, das 1961 eingeweiht wurde. Der damalige Innenminister und spätere Ministerpräsident Hans Filbinger (CDU), ein „furchtbarer Jurist“ im Dritten Reich, der später deswegen zurücktreten musste, hatte damals die Festrede gehalten. Stifter war der „Verband des deutschen Afrikakorps“, ein Traditionsverband ehemaliger Wehrmachtssoldaten, die in Libyen, Tunesien und für ein paar Tage auch in Ägypten im Einsatz waren. Bezahlt haben außerdem das Innenministerium und die Stadt Heidenheim, der das Werk seitdem gehört.

Nationalsozialistische Krieger oder ein Haudrauf als Namensgeber

Nicht ahnen konnte der promovierte Sozialwissenschaftler Proske bei seinen Studien, dass der Wehrmachtsgeneral bei einer von der Stadt Schwäbisch Gmünd organisierten Internetabstimmung über die Benennung von Deutschlands teuerster Ortsumgehung (2,3 Kilometer/230 Millionen Euro) eine wichtige Rolle spielen wird. Obwohl die Stadtverwaltung einige Namensvorschläge streicht, gibt es über Erwin Rommel keine Diskussion. Denn der „Wüstenfuchs“ wird hier (wie in Aalen und anderen Städten) mit einer eigenen Straße geehrt. Prompt belegt der Name Erwin-Rommel-Tunnel den zweiten Platz. Und in den Medien fragt niemand nach dem Geschichtsverständnis, das sich dahinter versteckt, woher die Stimmen stammen oder ob die 60 000 Einwohner zählende Stadt nur eine Ausnahmeerscheinung sein könnte.

Den ersten Platz mit 114 542 Stimmen erzielte Bud Spencer („Vier Fäuste für ein Halleluja“), ein Western-Hallodri, den der heute 81-jährige italienische Schauspieler Carlo Pedersoli verkörperte. Dessen Fangemeinde hatte weltweit über Facebook und andere soziale Netzwerke mobilisiert. Jetzt verlor der Gmünder Stadtrat seinen „basisdemokratischen“ Mut. Die Mehrheit lehnte den Namen Bud-Spencer-Tunnel ab. Um dessen Freunde zu beruhigen, soll jetzt das Freibad nach dem Kinohelden benannt werden, denn Carlo Pedersoli hatte 1951 als Leistungsschwimmer in Schwäbisch Gmünd an einem Wettkampf zwischen Deutschland und Italien teilgenommen.

Die Stimmen für den Westernhelden kamen aus dem In- und Ausland. Ob auch Rommel Unterstützung außerhalb Gmünds bekam, ist nicht bekannt. Entsprechende Internet-Aufrufe wie bei Spencer gab es jedenfalls nicht. „Beste Chancen“, Namenspatron für den B-29-Tunnel zu werden, so die „Bild“-Zeitung, habe jetzt Erwin Rommel. Gmünds Rathaussprecher Markus Herrmann geht allerdings davon aus, dass sich der Gemeinderat für einen Namen mit topografischem Bezug entscheiden wird, denn es habe sich bisher kein einziger Stadtrat offen für Rommel ausgesprochen.

Der Ruhm für Rommel ist anderswo umstritten

In Rommels Geburtsstadt Heidenheim, gut 40 Kilometer von Schwäbisch Gmünd entfernt, diskutiert man schon länger über den ehemaligen Generalfeldmarschall. Wolfgang Proske hatte nach Erscheinen seines Buches vorgeschlagen, das Naturstein-Denkmal für Rommel, das auf dem Zanger Berg steht, am 12. November, genau 50 Jahren nach der Einweihung, zu entfernen oder umzuwidmen. Man könnte, so der Lehrer, der an zwei Gymnasien der Region unterrichtet, an dieser Stelle der Opfer der KZ-Lager auf dem Heidenheimer Schlossberg gedenken. Auch die Widmung am Geburtshaus des „Wüstenfuchses“ in der Bahnhofstraße 5, das die Eigentümerin Post AG – Ironie der Geschichte – an einen Afro-Shop vermietet hatte, gefällt Proske nicht. Schließlich habe die Stadt Goslar schon 2001 eine Rommel-Gedenktafel wieder entfernen lassen, da der Berufssoldat, so die Mehrheit im Stadtrat, „Repräsentant eines verbrecherischen Regimes“ gewesen sei und sich nicht zur „Aufarbeitung der Geschichte“ eigne. Auch in Heidenheim wurde die Tafel mittlerweile entfernt. Doch weder auf Veranlassung des Gebäudeeigentümers, der Post AG, noch der Stadtverwaltung, sondern von Unbekannten. Nach Angaben von Wolfgang Heinecker, dem Sprecher der Stadtverwaltung, wird das Gedenkschild nach dem Muster des alten wieder angebracht.

Erwin Rommel gelte in der neueren historischen Literatur längst nicht mehr als zwar verführter, aber anständig gebliebener Soldat oder gar als Angehöriger des militärischen Widerstands gegen Hitler, sagt Proske. Pompöse Erzählungen in den Nachkriegsjahren hätten dies glauben machen wollen. Schon Mitte der 80er-Jahre hatten Anhänger der Friedensbewegung die Rommel-Gedenkmauer mit einem Tuch verhüllt, auf dem die Frage stand: „Dem Nazi-Helden ein Denkmal?“ Das Haus der Geschichte in Stuttgart hatte ein Foto dieser Aktion 2009 bei der Ausstellung „Mythos Rommel“ gezeigt.

Ein Schild, das so zu nichts nützt

Proske dachte, er würde mit seinem Vorstoß in Heidenheim inzwischen offene Türen einrennen. Doch weit gefehlt: Heidenheims Oberbürgermeister Bernhard Ilg (CDU) sehe, so seine erste Reaktion, „keinen Anlass, die angeregten Änderungen vorzunehmen“. Und Ulrich Grath, ein Immobilienmakler und der Vorsitzende der Stadtratsfraktion der Freien Wähler, verwahrte sich dagegen, „ständig alten Brei wieder aufzukochen“. Nach einer Leserbriefschlacht erklärten bei einer Umfrage der „Heidenheimer Zeitung“ zwei Drittel der Befragten, das Rommel-Denkmal störe sie nicht. Ein Viertel kreuzte die Aussage „Stört mich sehr“ an. Trotzdem ist es einigen Gemeinderäten und dem OB nicht ganz wohl in ihrer Haut. So hat Bernhard Ilg jetzt den Vorschlag eines Gemeinderats aufgegriffen, neben dem Rommel-Denkmal ein Schild mit einer Inschrift aufzustellen, die allerdings alles offenlassen und damit am Rommel-Mythos nicht kratzen würde. Ihr Inhalt: 50 Jahre nach seiner Einweihung steht eine Generation vor diesem Denkmal, die in einem einigen und friedlichen Europa ihre Heimat gefunden hat. Tapferkeit und Heldenmut, Schuld und Verbrechen liegen im Krieg eng zusammen. Möge das Schicksal Erwin Rommels und seiner Soldaten eine bleibende Mahnung sein, unsere Jugend in eine friedliche Zukunft zu führen.

Die Diskussion in Heidenheim wird weitergehen: „Muss man das denn aufwärmen, so lange der Sohn noch lebt“, heißt es längst immer wieder. Gemeint ist Manfred Rommel (CDU), von 1974 bis 1996 Oberbürgermeister von Stuttgart. Der 82-Jährige dürfte sich aber für ein anderes Projekt weit mehr interessieren. Nico Hofmann und seine Firma Team-Worx („Dresden“, „Die Flucht“) produzieren zurzeit im Auftrag des SWR für das Erste Programm des deutschen Fernsehens einen Spielfilm über die letzte Phase im Leben Erwin Rommels. Drehbuch und Regie: Niki Stein. Budget: fünf Millionen Euro. Rommels Sohn Manfred hat bereits vorgearbeitet: Sein 2010 erschienenes Buch trägt den Titel: „1944 – Das Jahr der Entscheidung“. Der Filmproduzent Hofmann will mit seinem Rommel-Projekt einen persönlichen Schlussstrich ziehen: Es soll sein letzter großen Fernsehfilme zum Thema Drittes Reich werden.

Die Zeitgeschichtler können dagegen noch keinen Schlussstrich ziehen, meint Wolfgang Proske. Vor allem die Archive im Ausland seien bei der Rommel-Forschung vernachlässigt worden. Hilfreich wären Recherchen in Nordafrika und Frankreich; interessant könnten die Hinterlassenschaften des Obersts (und späteren Gouverneurs der französischen Besatzungszone) Marie-Pierre Koenig sein. Er stand den Soldaten von Rommel als Kommandant der freien französischen Verbände in der libyschen Oase Bir Hakeim gegenüber. Unter Koenig kämpften damals auch deutsche und österreichische Freiwillige einer jüdischen Brigade. Als Hitler dies erfuhr, hat er angeordnet, sie sofort zu erschießen.

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Info: Das Buch „Täter, Helfer, Trittbrettfahrer. NS-Belastete in der Ostalb“ von Wolfgang Proske (Verlag Klemm & Oelschläger) beschäftigt sich neben Rommel auch mit anderen Nazis aus Ostwürttemberg. In Oberkochen gab es großes Interesse am Kapitel über Johannes Thümmler, den ehemaligen Einsatzgruppenleiter in Sarajewo und Gestapo-Chef und Chef des Polizeistandgerichts in Oberschlesien, das in Auschwitz seinen Sitz hatte. Zuletzt war Thümmler Kommandeur der Sicherheitspolizei in Stuttgart und damit auch für die Gestapo-Zentrale „Hotel Silber“ zuständig. Der Jurist war nach dem Krieg jahrzehntelang bei Zeiss beschäftigt und blieb bis zu seinem Tode 2002 straffrei. Kurt Schrimm, seit zehn Jahren Leiter der Zentralen Stelle der Justizverwaltungen zur Aufklärung von NS-Verbrechen in Ludwigsburg, hatte, als er noch in Stuttgart tätig war, gegen ihn ermittelt, ohne dass es zu einer Anklage gekommen war.

In Herbrechtingen bei Giengen an der Brenz interessierte man sich besonders für den Amtschef im Reichssicherheitshauptamt, Erich Ehrlinger (1910 bis 2004), der in Gingen zur Welt kam und in Heidenheim Abitur machte. Der in der Öffentlichkeit nahezu unbekannte Jurist gilt als einer der führenden Vollstrecker der „Endlösung der Judenfrage“.

Außerdem beschäftigt sich das Buch mit dem Stuttgarter „Blutrichter“ Hermann Cuhorst, der in Ellwangen geboren ist. Vorgestellt werden Jakob Wöger aus Steinheim, der Standesbeamte der NS-Vernichtungsanstalt Grafeneck auf der Schwäbischen Alb, Adolf Mauer, erster Kreisleiter der NSDAP in Heidenheim und Synagogen-Schänder von Stuttgart sowie weitere „Täter, Helfer und Trittbrettfahrer“ mit Bezug zur Ostalb.

Weitere Literatur: Manfred Rommel: 1944 – Das Jahr der Entscheidung. Erwin Rommel in Frankreich, Hohenheim-Verlag 2010; Ralph Giordano, Die Traditionslüge. Vom Kriegerkult in der Bundeswehr, Kiepenheuer und Witsch Verlag, 2000; Klaus Michael Mallmann und Martin Cüppers, Halbmond und Hakenkreuz, Primus-Verlag, 2006.

Hermann G. Abmayr ist Herausgeber des Buches „Stuttgarter NS-Täter“. Er arbeitet als Journalist, Buchautor und Filmemacher in Stuttgart.