Richard Bullinger – wie gehen wir mit der Geschichte um?

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Arnold,

wir haben kürzlich im Gemeinderat mehrheitlich den Entschluss gefasst, den Schriftzug „Maria Kahle“ von dem Maria-Kahle-Gebäude der Klösterleschule aufgrund ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit abzunehmen. Wir haben uns weiterhin dafür ausgesprochen, dass wir uns in Schwäbisch Gmünd mit dem Thema der Aufarbeitung dieser Schreckenszeit näher beschäftigen wollen. Sie haben in diesem Zusammenhang den Begriff der Erinnerungskultur eingebracht.

Wir stellen uns seither die Frage, wie wir damit umgehen, dass es noch immer Namensgebungen aus dieser Zeit gibt, die Personen ehren, welche dem System der Nationalsozialisten sehr nahe standen und es auch nachweislich unterstützt haben?

Daher rührt auch meine Anfrage nach Richard Bullinger:

Richard Bullinger war hoher Angestellter (Sonderbeauftragter) im Generalsrang im Reichsluftfahrtministerium und zuständig für die Koordinierung der kriegswichtigen Produktion im Luftfahrtbereich.

Er war auch zuständig für die Verlagerung von Industrieanlagen ins Hinterland – z.B. nach Schwäbisch Gmünd (Nachfolger ist die ZF). Dafür wurde er von der damaligen Gmünder Stadtverwaltung mit Ehrungen überschüttet – und eine Straße nach ihm benannt.

Sie haben als Vorgehensweise das Einbeziehen der Anwohner, die Kosten und die individuelle Betrachtung der Namensgeber vorgeschlagen. Dies ist durchaus nachzuvollziehen, aber wir möchten die Debatte schon etwas breiter führen, denn auch die ZF hat in der Zeit des Zweiten Weltkrieges 200 Zwangsarbeiter in Schwäbisch Gmünd beschäftigt. Erst im August 1999 beteiligte sich die ZFLS an dem Fonds der deutschen Industrie zur „Entschädigung der Zwangsarbeiter“ (Der Konzern beschäftigte insgesamt 2800 Zwangsarbeiter). Allerdings vermissen wir vom Gmünder Standort bis heute eine klare Aussage über die Vergangenheit. Daher sollte dies in der Diskussion mit der Geschäftsführung ebenfalls eine Rolle spielen.

Ein weiterer Aspekt, der aus unserer Sicht zu berücksichtigen ist, ist die Tatsache, dass die beiden Wahlgmünder Heinrich Probst und Robert Haidner kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges am Unteren Buch und im Schießtal hingerichtet wurden. Wir halten es daher für angebracht, den Namen Richard Bullinger abzuhängen und die Straße nach einem der beiden zu benennen.

Herr Arnold, wir sind der Auffassung, dass wir nicht auf der einen Seite Stolpersteine einsetzen können und auf der anderen Seite die Unterstützer des Systems weiterhin in Form von Namensgebungen (Straßen, Plätze, …) von unserer Stadt geehrt werden!

Ich bitte die Stadtverwaltung um eine öffentliche Stellungnahme, ob sie bereit ist, nun mit dem Wissen um die Person Richard Bullinger, eine Namensänderung für die Straße vorzunehmen und den Schriftzug durch den Namen einer der beiden Genannten zu ersetzen.

Herzliche Grüße

Sebastian Fritz Peter Yay-Müller