Radfahrer in Gmünd: „Wir sind der Verkehr“

21. Dezember 2019  Gemeinderat, Presse, Redaktion, Sebastian Fritz

Bei der vierten Critical Mass dieses Jahr standen erstmals die Radfahrer im Stau, weil in den Tagen vor Weihnachten besonders viele Autos unterwegs sind. Kaum losgefahren, konnten die rund 70 Radler kurz nach 17 Uhr nicht in die Remsstraße einbiegen, weil dort ein Sattelschlepper entlud und den Verkehr blockierte. Eine Radfahrerin bemerkte trocken: „Die brauchen uns nicht fürs Verkehrschaos, das bekommen die selber hin.“ Damit spielte sie auf den Sinn der Critical Mass an: Mit ihrem geballten Auftreten wollen die Radler darauf aufmerksam machen, dass Fahrräder ein umweltschonendes und gesundes Fortbewegungsmittel sind. Wenn Autos durch die Demo einmal im Monat etwas ausgebremst werden, ist das durchaus gewollt. Wie bei den drei Demos zuvor drehte die Gruppe, die ab 15 Teilnehmern im Pulk fahren darf, zwei Runden um die Innenstadt; sie verliefen weitgehend ohne Zwischenfälle und wurden von der Polizei begleitet. Nur ein Autofahrer fuhr bei Grün los und wollte sich Durchfahrt verschaffen – die Straßenverkehrsordnung ignorierend, die dem Pulk erlaubt, geschlossen die Ampel zu überqueren, auch wenn sie zwischenzeitlich auf Rot umgesprungen ist.

Diskussion im Bunten Hund

Im Anschluss trafen sich 25 Teilnehmer im Bunten Hund, einem Café im Buhlgässle, zum Austausch. Fahrradkurier Volker Nick forderte: Fahrradfahrer müssen um die Innenstadt eine eigene Spur bekommen, damit sie ungehindert vorankommen. Er fahre die Critical Mass-Strecke normalerweise als Einzelkämpfer und fühle sich nie sicher, nachts schon gar nicht: Immer schwinge die Angst mit, „abgeschossen“ zu werden. Gerade deshalb findet er die Demos bei Dunkelheit besonders wichtig. Ein noch größeres Risiko seien die Kreisel, fügt ein Radfahrer hinzu, weil das Velo dort gerne übersehen werde. „Wir brauchen mehr Sicherheit und mehr Radwege“, sind sich alle Anwesenden einig.

Stadtrat Sebastian Fritz findet es wichtig, dass die Demos kontinuierlich stattfinden, auch wenn dies zunächst nicht geplant gewesen sei. Nur so verschaffe man sich bei der Stadt und dem Gemeinderat Gehör. Bereits die erste Critical Mass habe gezeigt: Das Thema ist bei der Verwaltung angekommen.

Dem stimmte Stadtrat Karl Miller zu: „300 Teilnehmer beim ersten Mal waren super!“ Sei man vor wenigen Jahren eine Minderheit gewesen, könne man nun wirklich zeigen: „Wir sind der Verkehr.“

Andreas Mooslehner vom BUND kritisierte, Jahr für Jahr werden mehr Autos in den Verkehr „gedrückt“. „Für das Fahrrad und den öffentlichen Nahverkehr ist nichts passiert.“ Immerhin habe der Verkehr mit 32 Prozent erheblichen Anteil an den CO2-Emissionen. Er will 2020 auch mit Events für das Radfahren werben: Eine Critical Mass könnte mit einem Spätschwimmen im Freibad oder einer Party enden. Denn eines wollen die Radfahrer kommunizieren: Radeln ist nicht nur gesund und gut fürs Klima – es macht auch Spaß und baut Stress ab. Weitere Ideen: ein autofreier Sonntag zwischen Aalen und Gmünd oder eine kidical mass vor einer Schule, denn der Taxiverkehr der Eltern sei ein Problem.

© Gmünder Tagespost 20.12.2019 21:40