Politik nicht alten Männern überlassen

14. September 2017  Bundestagswahl 2017, Presse, Redaktion

Nach acht mal sieben Minuten wird’s langsam schwierig. „Uns gehen die Fragen aus“, meinen die Schülerinnen am Tisch des Rosenstein-Gymnasiums. Die große Uhr auf der Bühne der Stadthalle zählt aber schon die letzten Sekunden runter. Dann klingelt die Schulglocke. Vorbei.

Eingeladen vom Stadtjugendring, waren Schüler aller Heubacher Schulen am Donnerstagmorgen in die Stadthalle gekommen. Sie durften sich an acht Tischen verteilen, Kaffee oder Tee trinken, Brötchen essen. Vor allem aber: Fragen stellen. Und zuhören. Denn die Schüler waren nicht unter sich. Sondern hatten, jeweils sieben Minuten lang, den Vertreter einer Partei mit am Tisch sitzen.

„Politfrühstück“, nennt sich das in Heubach. Zuletzt gab’s eines vor der Landtagswahl. Am Donnerstag ging es in die nächste Runde. Eingeladen waren alle im Bundestag vertretenden Parteien. Gekommen waren die Jugendvertreter der CDU, Markus Bosch und Charlotte Rettenmayr, und von der SPD Andre Oswald und Laura Weber. Grüne und Linke schickten neben Franziska Sander und Justin Niebus die Bundestagskandidaten Melanie Lang und Alexander Relea-Linder ins Rennen.

Warum denn keinen Sauerbraten?

Schulsozialarbeiter Andreas Dionyssiotis hatte die Parteienvertreter im Vorfeld gewarnt: Anfangs könne es sein, dass die Schüler ein bisschen zurückhaltend sein könnten. Diese Befürchtung war unbegründet. „Ihr dürft die Politiker heute so richtig löchern!“, sagte Dionyssiotis. Das taten die Schüler. Was bedeutet heute konservativ? Wer zahlt die Zeche beim „Diesel-Gate“? Wie lange will die SPD die Menschen im Land arbeiten lasen? Und: Woher nehmen die Grünen ihren Strom?

CDU-Mann Markus Bosch musste erklären, warum er „konservativ“ ist. Wegen des Sauerbratens, meinte er. Dem Weihnachtsessen in seiner Familie. „Das schmeckt jedem und es ist Tradition“, erzählte Bosch und fragte zurück: „Warum soll man funktionierende Strukturen über Bord werfen, nur um etwas Neues durchzusetzen?“ Manche Schüler nickten. Neuerungen wolle er aber schon auch. Etwa bei der Rente. Die solle an die Lebenserwartung geknüpft werden. „Sonst kann die Rechnung nicht aufgehen.“

Ihr könnt die Politiker mal so richtig löchern.

Andreas Dionyssiotis,
Schulsozialarbeiter

Andre Oswald von der SPD hingegen nannte 67 schon ein „verdammt hohes Renteneintrittsalter“. Es sei unfair, alte gegen junge Menschen auszuspielen. „Das kriegt man auch anders hin.“ So einfach entließen ihn die Schüler aber nicht. Wie denn?, fragten sie. Das Geld, meinte der Sozialdemokrat, sei da. Man müsse es nur anders verteilen.

Das sah die Grüne Melanie Lang ähnlich. Die Schüler hatten die Kandidatin auf veraltete Schulgebäude und dringend nötige Sanierungen angesprochen. „Der Bund muss hier investieren dürfen“, stellte Lang das bisher herrschende „Kooperationsverbot“ in Frage. Da pflichteten die Schüler ihr bei. Woher aber nehmen die Grünen den Strom, wenn Atomkraft und Öl schlecht sind? Aus den erneuerbaren Energien, meinte Lang, schränkte aber ein, dass etwa die Elektromobilität nicht die alleinige Zukunft sein könne. „Wir brauchen einen Mix.“

Volks-, keine Daimlervertreter!

Da können auch die Linken mitgehen. „Wir machen eine ähnliche Umweltpolitik“, sagte Justus Niebus. Und Alexander Relea-Linder meinte in Bezug auf „Diesel-Gate“ und die Verfehlungen der Autoindustrie: „Nicht die Autofahrer dürfen die Gelackmeierten sein, sondern die Industrie muss in Verantwortung genommen werden.“ Die Politiker seien schließlich „Volks-, und keine Daimlervertreter“.

Als die Schulglocke verklungen war, wünschte Andreas Dionyssiotis einen „schönen Schultag“, was kollektives Stöhnen hervorrief. Politische Gespräche besser als Unterricht? Warum nicht. Bürgermeister Frederick Brütting hatte zuvor deutlich gemacht, weshalb es wichtig sei, sich als junger Mensch einzumischen. „Der Brexit, die Wahl von Donald Trump – alles Entscheidungen vor allem von alten Männern. Überlasst denen nicht eure Zukunft!“

Wählen unter 18? Am Freitag in Heubach möglich

U18-Wahl: Bei der regulären Wahl am Sonntag, 24. September, dürfen die Schüler noch nicht teilnehmen. Dafür gibt’s am Freitag eine „U18-Wahl“ in Heubach.

Zu folgenden Zeiten können Jugendliche unter 18 Jahren am Freitag, 15. September, im mobilen Wahllokal in Heubach ihre Stimme abgeben: Mörikeschule, Schillerschule und Realschule Heubach von 8.15 bis 9 Uhr und am Rosenstein-Gymnasium von 9.15 bis 11 Uhr.

© Gmünder Tagespost 14.09.2017 11:54