Ohne Flüchtlinge – mit Landwirt

20. Januar 2016  Presse, Redaktion
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Diskutieren über Landwirtschaft (v.l.): Linke-Bundestagsabgeordnete Karin Binder, Landtagskandidat Alexander Relea-Linder, Kreisbauernverbandsvorsitzender Hubert Kucher und Peter Müller als Gastgeber im Gewerkschaftshaus. (Foto: Tom)

Ihren Wahlkampfauftakt in Gmünd gestalten die Linken bewusst ohne das Thema Flüchtlinge. Flüchtlingspolitik sei wichtig, doch es überlagere viele andere soziale und ökologische Probleme, denen sich die Politik annehmen müsse, sagt Landtagskandidat Alexander Relea-Linder. Und begrüßt Kreisbauernverbandsvorsitzenden Hubert Kucher von der CDU.

Julia Trinkle

Schwäbisch Gmünd. Was im stillen Kämmerlein besprochen wird, hinter verschlossener Tür, das ist dem Kreisbauernverbandsvorsitzenden nicht geheuer. Er ist für das ehrliche und offene Gespräch. Und so sagte er den Linken zu, mit der Bundestagsabgeordneten Karin Binder, mit Landtagskandidat Alexander Relea-Linder und mit Mitglied Peter Müller als Gastgeber im Gewerkschaftshaus über das Thema Freihandel und die Folgen für die Landwirte der Region zu diskutieren. Offen und ehrlich stellt Kucher dabei gleich klar: „Mit dem Wetter kommen wir Bauern zurecht“, Politiker aber seien wahrlich unberechenbar für die Landwirte – „und da nehme ich keinen aus“.
Einig sind sich die Vertreter der Linken und der Kreisbauernverbandvorsitzenden allerdings in einem: In Deutschland gelten Standards für die Landwirtschaft, die mit dem Freihandelsabkommen TTIP in Gefahr seien. Am Beispiel Huhn: Jedes trage einen gewissen Anteil an Salmonellen in sich. Durch saubere Ställe, sauberen Transport und eine saubere Schlachtung hielten sich diese in Deutschland aber bei sorgfältigem Umgang in der Küche in Grenzen, sagt Karin Binder, die Mitglied im Bundestagsausschuss für Ernährung und Landwirtschaft ist. Denn hier gelte das Vorsorgeprinzip. Anders in den USA. Dort habe sie Riesenhallen gesehen mit Käfigen, die schnell mit Chemikalien präpariert seien, bevor Bibberle hineingepfercht würden. In einem Zustand, den sich kein Tierschützer in Deutschland vorstellen könne. Vor dem Verkauf des Fleisches töte ein Chlorbad alle Keime ab.
Es könne nicht funktionieren, die Standards der USA und Deutschlands in einem Freihandelsabkommen gleichzusetzen, ist Binder überzeugt. Schon deshalb nicht, weil in den USA viel günstiger produziert werden könne: Getreide mit ferngesteuerten Maschinen auf riesigen ebenen Flächen, mit völlig anderen Bestimmungen. Auch mit Gentechnik, die der deutsche Verbraucher ablehne, sagt Kucher. Es gebe viele Beispiele, das Ergebnis sei immer dasselbe: Der Landwirt aus der Region könne nicht mithalten. Das Freihandelsabkommen TTIP bereite ihm Sorge, auch weil es derzeit verhandelt werde, „ohne dass irgendjemand Genaues darüber weiß“. Im stillen Kämmerlein, hinter verschlossener Tür. Und genauso solle es im November beschlossen werden, ergänzt Relea-Linder. Als Paket, ohne Initiativrecht, das das deutsche Parlament auszeichne, und daher ohne Mitsprache, betont Binder, die auch ernährungspolitische Sprecherin der Linken-Bundestagfraktion ist. Sie macht sich für regionale und saisonale Produkte stark. Diese müsse sich jeder leisten können, der Arbeiter genauso wie der Akademiker, sagt Relea-Linder. Ein erhöhter Mindestlohn und eine andere Mietpolitik seien Wege, dies zu erreichen. Mindestlohn sei in aller Munde, meint Kucher dazu, „und was ist mit einem Mindestpreis?“. Landwirte seien längst am Limit, weil sie angesichts der Preise fürs Schweinefleisch und für die Milch nicht überleben könnten, sagt der Kreisbauernverbandsvorsitzende: „Viele Betriebe werden dieses Jahr aufgeben müssen, das ist Fakt.“ Auf den bewussten Einkauf des Verbrauchers allein könnten die Landwirte nicht setzen: „Geiz ist geil“ – daher fragten die meisten Kunden nicht nach Standards in der Tierhaltung. Mit Aktionen wolle der Bauernverband Verbraucher dafür sensibilisieren. Und mit offenen Gesprächen. Wie hier bei den Linken.
Nach dem internen Gespräch ging es für Bundestagsabgeordnete Binder und Landtagskandidat Relea-Linder zum öffentlichen Wahlkampfauftakt ins Café Exlibris. Bewusst ohne das Thema Flüchtlingspolitik. Um Fluchtursachen werde es in weiteren Veranstaltungen gehen, verspricht Relea-Linder.

 

© Gmünder Tagespost 19.01.2016 21:30:35