Licht der Toleranz und Offenheit

imageNach dem Brandanschlag auf das geplante Flüchtlingsheim war die Solidarität unter den Gmünder Bürgern groß. Am Freitag wurde eine spontane Mahnwache organisiert, an der knapp 300 Menschen teilnahmen. Am Sonntag folgten hunderte Bürger dem Aufruf der Gemeinderäte und stellten sich hinter die „Gmünder Erklärung“.

Schwäbisch Gmünd. Am Frühstückstisch erfuhr sie von dem Brand in der Flüchtlingsunterkunft, beim Kaffeetrinken von der geplanten Mahnwache. Bianka (41) sprang sofort in ihr Auto, um nach Gmünd zu fahren. Geplant war eigentlich eine weitere Nacht bei ihren Eltern in Heilbronn. Aber Bianka wollte ein Zeichen setzen – so wie etwa 300 weitere Gmünder am Freitagabend.

„Ich war fassungslos, als ich das gelesen habe. Ich wusste nicht, wie ich damit umgehen soll“, sagt die 41-jährige Bianka und umklammert ihr Banner. „REFUGEES WELCOME“ steht darauf zu lesen. An diesem Freitagabend sind die Menschen per „Du“, vereint in Betroffenheit, Solidarität und Wut.
Ein paar Meter weiter steht die 60-jährige Sonja Jörgens. Sie ist mit Freunden gekommen. Hat erst wenige Minuten vor Veranstaltungsbeginn per WhatsApp erfahren, dass überhaupt eine Mahnwache geplant ist. „Es gibt Dinge, die sind so wichtig, dass man alles stehen und liegen lässt“, erklärt sie. In ihrem Fall war es das Abendessen. „Ich bin stolz auf den Gmünder Weg und dass es bei uns bisher anders verlaufen ist, als in anderen Städten.“ Und genau diesen Stolz will sie hier verteidigen. Oberbürgermeister Richard Arnold hat sich unter die Menschenmenge gemischt. Mit ungekämmten Haaren und weitem Pulli. Er hat seit der Nachricht am frühen Morgen nicht viel geschlafen. „Das ist eine miese Tat. Es handelt sich um einen Angriff gegen die Demokratie, die Freiheit und unsere Lebensform“, sagt Arnold in einer kurzen Ansprache. Organisiert wurde die Kundgebung durch eine Gruppe von Bürgern, unter ihnen Stadtrat Sebastian Fritz (Die Linke). „Uns war klar, dass wir ein Zeichen setzen müssen. Das hat sich zu einer Eigendynamik entwickelt.“
Ein Zeichen setzen – das will auch der Gemeinderat Schwäbisch Gmünd. Und zwar über alle Parteigrenzen hinaus. Gemeinsam verfassten die Ratsmitglieder die „Gmünder Erklärung“, die bereits seit Samstag im Internet zu lesen war.
Am Sonntagabend versammelten sich rund 500 Bürger auf dem Rathausplatz, um sich symbolisch hinter diese Erklärung zu stellen. Auch die Mitglieder des DRK und der Feuerwehr waren vertreten. Allesamt in Einsatzuniform. „Die Solidarität ist in den Grundsätzen des DRK mit drin“, erklärt Jörn Schmidt, Leiter der Schnelleinsatzgruppe. Knapp 50 seiner Teamkollegen haben sich auf dem Rathausplatz versammelt. „Hier wurde keiner herbeordert. Das basiert alles auf Freiwilligkeit“, fügt Schmidt hinzu.
Mittendrin steht auch Bahzad Zaki. Der junge Mann aus Afghanistan lebte lange Zeit in der Flüchtlingsunterkunft auf dem Hardt. Vor einigen Monaten ist er nach Weiler gezogen, macht gerade eine Ausbildung. „Ich weiß einfach nicht, wer so etwas macht. Das macht mich traurig“, sagt er und hält seine Kerze fest umklammert.
Neben den Fraktionsvorsitzenden ergreifen auch Dekanin Ursula Richter und Münsterpfarrer Robert Kloker das Wort. Und auch Iman Imam Selçuk Lök spricht – auf türkisch. Seine Rede wird von Adem Cicigül übersetzt. „Wir verurteilen diesen Anschlag aufs Schärfste“, sagt er. Vereinzelt schwenken Menschen Fahnen. „Peace“ ist darauf zu lesen. Oder „Solidarität“. Daniela Maschka-Dengler (SPD) ergreift das Mikrofon, kann ihre Emotion nicht zurückhalten. Will sie auch nicht. „Wir werden diesen Weg stur weitergehen. Davor haben wir keine Angst. Angst macht uns das ewig gestrige Gedankengut.“ Und wieder klatschen die rund 500 erschienenen Bürger. Einige von ihnen sind extra aus den Nachbarstädten angereist. Auch Bahzad Zaki applaudiert. „Wir werden uns weiter integrieren und die Sprache lernen“, sagt er fast trotzig und beweist, dass es manchmal wenige Worte braucht, um das auszudrücken, was auf der Seele brennt: „Das war scheiße.“