Kein Disneyland in der Ledergasse

Das tat der Baubürgermeister am Mittwoch und betonte, „der Duktus der gestuften Giebel“ dieser Häuserzeile solle erhalten bleiben. Ob die Gebäude an der Ledergasse dabei stehen bleiben, zum Teil erhalten oder abgerissen werden, sei an dieser Stelle „noch nicht so entscheidend“. Hinter der Fassade zur Ledergasse hin könnten flexibel aufteilbare Einheiten entstehen. Denn klar sei: „Wir brauchen eine Nutzung und keinen Potenzialbau“, sagte Mihm. So sind in den Modellen, die er den Stadträten präsentierte, im Erdgeschoss Flächen für Einzelhandel, in den oberen Etagen Wohnungen vorgesehen. Dazu ein Hinterhof hin zum Gebäude Engelgasse 5. Dieses stamme aus dem 16. Jahrhundert und berge eine Bohlenstube. Die drei Gebäude an der Ledergasse hingegen seien Anfang des 20. Jahrhunderts erbaut worden. „Nicht die Krönung der Architektur“, meinte Mihm, aber an dieser Stelle das Stadtbild prägend.

Dem stimmte CDU-Stadtrat Baron zu. „Ja, wir müssen unsere Stadt weiterentwickeln. Sie ist kein Museum. Aber wir haben ein reiches Erbe und mit unserer Innenstadt einen reichen Schatz.“ Doch „Sie scheinen den Begriff Weiterentwicklung als Synonym für Abriss zu verwenden“, sagte Baron an Mihm gerichtet. „Wir wollen den Duktus erhalten“, zitierte Baron den Baubürgermeister und kritisierte: „Das heißt nichts anderes als Disneyland.“ In den 70er-Jahren habe es eine Diskussion gegeben, den Prediger abzureißen. Er sei froh, dass nicht nur dessen „Duktus“ erhalten worden sei. „Wir wollen das Original erhalten, nicht nur eine Kopie“, sagte Baron. Die CDU spreche sich dafür aus: Was man erhalten kann, soll man erhalten.

Oberbürgermeister Richard Arnold wies die Kritik am Baubürgermeister scharf zurück. Ohne Mihm gebe es heute keine Villa Hirzel mehr. Er nannte auch das Gebäude am Marktplatz 31 – wo bis vor kurzem der Schuhladen Werdich, jetzt der Kleiderladen Only ist. Dieses sei ein gutes Beispiel dafür, wie die historische Fassade erhalten, dahinter aber für den Einzelhandel nutzbare Räume entstehen können. „Das geht auf Herrn Mihm zurück“, sagte der OB. Im Gegensatz zum Gebäude „Josefle“ am Marktplatz, das vor Mihms Zeit als Baubürgermeister abgerissen worden war. Es wurde durch eine „gesichtslose Architektur“ ersetzt, sagte Karin Rauscher, Sprecherin der Fraktion Freie Wähler Frauen. Es sei wichtig, das Thema im Gemeinderat zu diskutieren. Angesichts der „dünnen Vorlage“ falle ihr eine Stellungnahme jedoch schwer.

Dann wäre das Münster weg

Wir brauchen eine Nutzung und keinen Potenzialbau.

Julius Mihm, Baubürgermeister

Die Kritik kam mehrfach im Gemeinderat. Bürgerliste-Chef Ullrich Dombrowski äußerte den Wunsch, die Stadträte mögen die Pläne erhalten, die Mihm vorgestellt hatte. Und dazu ein Modell, um über diesen „sensiblen Bereich“ diskutierten zu können. „Sensibel“ vorzugehen, darum bat auch SPD-Stadtrat Hans-Jürgen Westhauser. Die Argumentationsweise des Baubürgermeisters hinsichtlich der Nutzbarkeit von Gebäuden, die sich rechnen müssten, nannte er „extrem“: Wenn man danach ginge, „würde das Münster heute nicht mehr stehen“. „Eigentum verpflichtet“, gab er dem Investor auf den Weg. Sein SPD-Fraktionskollege Bilal Dincel meinte, es sei begrüßenswert, wenn jemand Geld in die Hand nehmen und in Gmünd investieren wolle: „Wir sind bereit, den Prozess wohlwollend zu begleiten.“

Linken-Sprecher Sebastian Fritz zeigte sich dankbar für den Antrag der CDU, durch den das Thema in den Gemeinderat kam. „Wir sollten nach allen möglichen Richtungen offen sein, mit der Maßgabe, so viel wie möglich zu erhalten“, meinte er.

Die Diskussion sei wichtig, aber auf einer sachlichen Ebene, forderte Grünen-Stadtrat Karl Miller – „nicht auf der Ebene Abrissbürgermeister und Disney-Architektur“. Er schlug vor, das Gebäude Engelgasse 5 aus der Gesamtplanung herauszunehmen.

Seine Kritik am Baubürgermeister habe Baron „nicht so gemeint“, sagte dessen CDU-Fraktionskollege Christof Preiß. Er habe vielmehr sagen wollen, dass die Stadt sorgsam mit historischen Gebäuden umgehen müsse.

Am Ende der Diskussion fasste Arnold zusammen: „Wir nehmen mit: Ein Abriss kommt nicht infrage.“ Doch hinter den Fassaden seien flexiblere Lösungen denkbar. „Eigenständige flexible Lösungen“ seien möglich, sagte Mihm zu.

© Gmünder Tagespost 02.05.2018 21:55