Horizontblick statt Froschperspektive

Die simple Frage stand plötzlich im Saal: Kann Schwäbisch Gmünd mit einem
kommunalen Klimaschutzkonzept die Welt retten? Baubürgermeister Julius Mihm plädierte am Mittwoch im Bau- und Umweltausschuss des Gemeinderats für eine globale
Betrachtung der Verhältnismäßigkeit der Gmünder Anstrengungen. Er löste damit eine lebhafte Diskussion aus.
SCHWÄBISCH GMÜND (hs). Ein weiteres Mal stand das Thema Gmünder Klimaschutzkonzept auf der Tagesordnung der fünfstündigen Sitzung. Neu war diesmal,
dass Baubürgermeister Julius Mihm zu einer grundsätzlichen Betrachtung ausholte, mit der er gewisse Verblüffung auslöste. Denn er stellte die Verhältnismäßigkeit der kommunalen Bemühungen im Hinblick auf die sich abzeichnende globale Entwicklung in Frage. Am Ende seiner Rede betonte Julius Mihm zwar Bedeutung und Bereitschaft zu Optimismus und Offenheit bei den Klimaschutzbemühungen auf lokaler Ebene, doch effizienter sei es doch, die Probleme dort zu lösen, wo sie auch stärksten Auswirkungen hätten. Julius Mihm sieht die größten Herausforderungen in den immer größer
werdenden Megametropolen sowie in China und Indien. Der Energiebedarf werde in den kommenden Jahren ins Unermessliche wachsen, wenn in den genannten Ländern und durch die Urbanisierung und immer mehr Wohlstand der Menschen plötzlich eine Milliarde Klimaanlagen und Millionen Elektrofahrzeuge in Betrieb gehen. Atom- und Kohlekraftwerke könnten nur abgeschaltet werden, wenn der Anteil der erneuerbaren Energien entsprechend und sogar um ein Vielfaches gesteigert werde. Doch dafür fehle wiederum vielerorts die Akzeptanz der Bürgerschaft. Der Boom der Elektromobilität führe in eine Zwittersituation und in ein Dilemma.
CDU-Fraktionssprecher Thomas Kaiser sprach sich dennoch dafür aus, aus dem „großen Papier“ des Klimaschutzkonzeptes ganz konkrete Maßnahmen ab zuleiten. Die Stadt müsse das Programm der energetischen Gebäudesanierungen fortsetzen. Fotovoltaikanlagen sollten auch im Innenstadtbereich gestattet werde. Auch sprach sich Kaiser für einen Umstieg vom Auto aufs Fahrrad aus. Stadtrat Karl Miller warnte unter dem Eindruck der Worte Mihms davor, die Mut zu verlieren. Wenn sich jede Stadt, so wie
Gmünd, die Klimaneutralität zum Ziel setze, dann sei durchaus ein großer Effekt zu erreichen. Die Ansätze aus dem Gmünder Klimaschutzkonzept, wie sie auch vom Geschäftsführer der Stadtwerke Peter Ernst vertiefend dargestellt wurden, dürften nicht aus dem Auge verloren werden.

Es sei eine Lachnummer, dass für die Umsetzung des Klimaschutzkonzeptes haushaltstechnisch nur 100 000 Euro ausgewiesen seien, so die Feststellung von
Stadtrat Tim-Luka Schwab (SPD). Das Thema Klimaschutz sei so wichtig für die Zukunftssicherung, dass die Stadt Schwäbisch Gmünd eigentlich einen
zweistelligen Millionenbetrag dafür ansetzen sollte. OB Arnold entgegnete mit der Aufforderung an Schwab, sich als Stadtrat um eine Mehrheit für Bereitstellung der Millionen zu bemühen.
Irritiert über die Grundsatzrede des Baubürgermeister zeigte sich Stadtrat Dr. Andreas Benk (Die Linke) und sprach von einer fatalen Einstellung. Julius Mihm rückte zurecht, dass es ihm darum gehe, die Problematik nicht nur aus einer lokalen Froschperspektive zu betrachten, sondern auch den weiten Horizont zu berücksichtigen. Er bemängelte eine zunehmende politische Einstellung, wonach bei jedem Baum, der in Gmünd für ein Projekt geopfert werde, sofort der Klimaschutz in Frage gestellt werde.
Stadtrat Ullrich Dombrowski (BL) bemängelte, dass er das Gefühl habe, sich bei den Bemühungen im Kreis zu bewegen. Stadtrat Dr. Peter Vatheuer (FDP/FW) sieht in Anlehnung an Julius Mihms´Betrachtung einen effektiven Beitrag für den Klimaschutz, wenn hierzulande Technologien zu Exportschlagern entwickelt werden, die dann dort Wirkung zeigen, wo die schlimmsten Belastungen fürs Weltklima daheim sind.

Copyright Rems Zeitung, 13.11.2020