„Für die Stadt könnten die Auswirkungen fatal sein“

04. November 2019  Gemeinderat, Presse, Redaktion, Sebastian Fritz

Dass Bosch Automotive Steering in Schwäbisch Gmünd weitere 1000 Arbeitsplätze abbauen will, ist für die Stadt ein herber Schlag. Auf die Folgen für die lokalen Zulieferer, für den Handel und schließlich auch für den städtischen Haushalt hat bereits OB Richard Arnold hingewiesen.

SCHWÄBISCH GMÜND (esc). Nun beziehen die Sprecher von sechs Gemeinderats- fraktionen Stellung. Einhellig sehen sie verloren gegangenes Vertrauen in das Bosch-AS-Management und negative Auswirkungen auch auf die Stadt.

Alfred Baumhauer (CDU): „Die CDU- Fraktion ist über die Ankündigung eines so großen Stellenabbaus bestürzt. Für betroffe- ne Mitarbeiter, aber auch für junge Nachwuchskräfte, die auf eine Perspektive bei

Bosch hingearbeitet haben, hat sich die Zukunft verfinstert. Das Vertrauen in die Geschäftsleitung und die Verbindlichkeit von Absprachen ist in der Öffentlichkeit in Frage gestellt. Die Auswirkungen auf den Bosch-Standort, auf davon abhängi- ge Service-Betriebe, Zulieferer und Geschäftspartner werden weitere Schwierigkeiten für unsere Stadt mit sich bringen.“

Gabriel Baum (Grüne): „Die Ankündigung der Leitung von Bosch AS trifft Schwäbisch Gmünd hart. Die Verwundbarkeit unseres Arbeitsmarktes durch die hohe Abhängig-
keit von der Automobilindustrie zeigt sich deutlich. Sicher spielt das verlorene Vertrauen in die Automobilhersteller im Zuge der Abgasskandale eine Rolle bei den Ent- wicklungen bei Bosch. Doch der Standort Schwäbisch Gmünd dürfte eigentlich nicht auf Gedeih und Verderb vom Ver- brennungsmotor abhängen, da hier Lenk- systeme entwickelt und gefertigt werden. Lenkungen werden auch in E-Fahrzeu- gen, wasserstoffbetriebenen LKW und autonomen Fahrzeugen benötigt. Deshalb weisen Schuldzuweisungen an einzelne Parteien oder Umweltverbände hier in die falsche Richtung. Vielmehr hat es Bosch AS bisher nicht geschafft, mit den Entwicklungen für die Zukunft den Standort Schwäbisch Gmünd zu sichern. Das rächt sich nun.

Auszubaden haben es die Beschäftigten und ihre Familien. Unsere Fraktion fordert die Verantwortlichen bei Bosch AS daher auf, für die weitere Entwicklung sozialverträgliche Wege zu finden. Dazu gehört auch eine kritische Überprüfung der nun bekannt gewordenen Kürzungspläne in Zusammenarbeit mit dem Betriebsrat.

Für die Stadt und das Umland könnten die Auswirkungen des Arbeitsplatzabbaus fatal sein, einerseits aus Sicht der Gewerbesteuern, vor allem aber auch, wenn die Betroffenen in wirtschaftliche Not geraten oder künftig Arbeitsplätze fernab von Gmünd annehmen müssen. Der Standort Schwäbisch Gmünd bietet aus unserer Sicht dennoch immer noch Chancen, da die Krise offensichtlich nicht alle Betriebe und auch nicht alle Zulieferer in gleichem Maße betrifft.“

Sigrid Heusel (SPD):

„Es ist eine Schande, dass ein Unternehmen wie Bosch, das seine soziale Verantwor- tung gegenüber Mitarbeitern in der Vergangenheit stets betonte, als schnelle Sa- nierungsmaßnahme

den Abbau von 1000 Stellen verkündet. Arbeitsplätze einfach zu streichen ist phantasielos und auch verantwortungslos. Vielmehr sollten Instrumente zur Arbeitsplatzsicherung, wie Qualifizierung und Weiterbildung, flexible Arbeitszeitmodelle und ein Tarifvertrag zur Beschäftigungssicherung zum Einsatz kommen. Wichtig ist, dass betriebsbedingte Kündi- gungen ausgeschlossen werden, und die Betriebsführung mit der Belegschaft ge- meinsam nach Lösungen sucht.

Der Verlust von 1000 Arbeitsplätzen bei einem Arbeitgeber ist für das soziale Gefüge einer Stadt wie Schwäbisch Gmünd eine große Hypothek, denn betroffen sind nicht nur die Mitarbeiter sondern stets auch die Familien. Was die Steuereinnahmen betrifft, so wird man die Entwicklung abwarten müssen. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass die Gewerbesteuer ohne Minderung zu verbuchen sein wird. Die SPD-Fraktion erwartet auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten, dass ein Unternehmen Verantwortung für seine Mitarbeiter übernimmt.“

Sebastian Fritz (Linke): „Wenn es zu dieser Massenentlassung bei der Firma Bosch kommt, ist dies ein schwerer Schlag für die Beschäftigten und ihre Familien und darüber hinaus auch für den Wirtschaftsstandort Schwäbisch Gmünd und die Umgebung. Das Management rechtfertigt die Entlassungen mit der konjunkturellen Lage, doch dieses Problem ist zu einem großen Teil hausgemacht. Der Rückgang der Nachfrage ist nicht zuletzt durch die große Unsicherheit bei den Verbraucherinnen und Verbrauchern zu erklären, da diese durch den massenhaften Betrug der Automobilindustrie nicht mehr wissen, was sie kaufen sollen. Daher ist die Ankündigung von Seiten des Managements, diesen Absatzrückgang einseitig auf dem Rücken der Beschäftigten abzuladen, absolut indiskutabel und führt zu einem kompletten Vertrauensverlust bei der Belegschaft und der Region.

Unsere Fraktion erwartet von den beiden Bundestagsabgeordneten, dass diese über die Solidaritätserklärung hinausgehend überlegen, wie eine Lösung ohne betriebsbedingte Kündigung aussehen könnte. Die IG Metall hat mit dem Transformations-Kurzarbeitergeld einen ersten Vorschlag ins Spiel gebracht, um die konjunkturelle und strukturelle Krise zu überbrücken. Wir meinen außerdem, dass gerade die Transformation in der Auto- mobilindustrie eine Herausforderung ist, die mit einer motivierten Belegschaft, die die Chance durch betriebliche Weiterbildung bekommt, gemeinsam gestemmt werden kann.

Daher erwarten wir und werden auch unseren Beitrag dafür leisten, dass der Gemeinderat und die Stadtverwaltung gemeinsam den Betriebsrat bei den anstehenden Auseinandersetzungen mit der Geschäftsführung unterstützen. Das Ziel muss dabei sein, möglichst viele der Arbeitsplätze nachhaltig zu sichern.“

Ullrich Dombrowski (BL): „Die Bürgerliste bedauert die von der Bosch Geschäftsführung im Hinblick auf den erst kürzlich mit der Belegschaft abgeschlossenen Sozialplan nur schwer nachvollziehbaren weiteren Entlassungen, insbesondere, da dies für die Arbeitnehmer, die ihren Arbeitsplatz verlieren, sicherlich zu existentiellen Problemen führen wird. Darüber hinaus hoffen wir, dass diese Maßnahme nicht der Beginn von weiteren Verlagerungen ist, die den Standort Schwäbisch Gmünd noch mehr schwächen; insbesondere sich auch negativ auf die Zulieferbetriebe auswirken würden.

Die Geschäftsleitung von Bosch muss deshalb nunmehr eine verlässliche Zukunftsprognose über die Weiterentwicklung des Standortes Schwäbisch Gmünd abgeben, um das zutiefst erschütterte Vertrauen der Mitarbeiter in die Verlässlichkeit der Informationen der Geschäftsführung wieder zu gewinnen.“

Karin Rauscher (Freie Wähler Frauen): „Die Ankündigung von Bosch, weitere 1000
Arbeitsplätze abzubauen, ist bitter und hart – nicht nur für die Belegschaft mit ihren Familien, sondern auch für den Wirtschaftsstandort Schwäbisch Gmünd. Konjunkturabschwächung, außenwirtschaftliche Rahmenbedingungen und die in die Kritik geratene Dieseltechnologie sind jetzt auch bei Bosch angekommen. Diese Verkettung wird sich bei weiteren betroffenen Zulieferern fortsetzen. Uns erfüllt diese Entwicklung mit Sorge. Bosch hat viel investiert in neue Fertigungseinrichtungen in der Stadt. Für die Zukunftsfähigkeit sind gerade Entwicklungs- und Forschungsabteilungen von großer Bedeutung – diese gilt es auszubauen. Wissen darf nicht verloren gehen, das wäre zu kurz gesprungen.

Für die Stadt Schwäbisch Gmünd, die stark von der Automobilindustrie abhängig ist, bedeutet dies, sich zu bemühen, das Portfolio zu erweitern und einen besseren Branchenmix zu erreichen.“

© Rems Zeitung, 30.10.2019