Es bleibt die Frage nach der Form des öffentlichen Umgangs

06. Juni 2015  Ortsvorstand, Presse, Redaktion

Derzeit wird in Schwäbisch Gmünd kontrovers über den Umgang mit Straßennamen diskutiert. Auch die Linksjugend SOLID hat sich mit dem Thema beschäftigt und kritisiert OB Arnold für dessen frühe Festlegung, vor einer Diskussion im Gmünder Gemeinderat. Ihr Sprecher Alexander Relea-Linder schreibt dazu:

Straßennamen dienen zunächst der räumlichen Orientierung in einer Stadt. Sie prägen sich allein schon deswegen in das Bewusstsein und Alltagsleben ihrer Bewohner ein. Vor allem gehören sie zur Erinnerungskultur einer Stadt. Denn sie erinnern, sofern sie nicht bloße Bezeichnungen oder Namen aus der Tier‐ und Pflanzenwelt tragen, an historische Persönlichkeiten und bedeutende Ereignisse. Diese Form von Erinnerungspolitik hat sich seit dem 19. Jahrhundert in Deutschland wie auch in vielen anderen europäischen Gesellschaften entwickelt. Dadurch deuten Straßennamen auch auf die politische Kultur zur Zeit ihrer Verleihung. Denn zumindest zu dieser Zeit sollten sie auch eine Ehrung bedeuten. Sie sind damit automatisch auch ein sichtbarer Ausdruck des Geschichtsbewusstseins unserer Stadt und beanspruchen eine maßgebende Verbindlichkeit für die Gegenwart und vorrausichtlich auch für die Zukunft, auch wenn im alltäglichen Leben diese Bedeutung nachlassen kann. Sie wird aber wieder bedeutend, wenn über Straßenumbenennungen diskutiert wird. Besonders im Hinblick auf die Tatsache, dass etliche Straßenname in unserer Stadt, derzeit von NationalsozialistInnen geprägt sind, stellt sich für uns die Frage nach dem passenden Umgang mit dieser belastenden Tradition. Denn Erinnerung bedeutet auch immer Auswahl. Zwar kann sich niemand durch Verdrängung oder Entsorgung einer unliebsamen Vergangenheit aus der Geschichte verabschieden, aber er kann sich entscheiden, welche Akteure der Vergangenheit für ihn erinnerungswürdig sind und welche nicht.
Auch die Erfahrungen und Erinnerungen an die Diktatur gehören zu unserer Geschichte und sind, unverkennlich, als Erbe und Belastung auf uns gekommen. Wir können und sollen uns ihnen nicht entziehen. Aber wir können sie, allein schon aus Achtung vor ihren Opfern, nicht in einer ehrenden, positiv besetzten Erinnerung behalten und darum auch nicht zu Straßennamen erheben.
Es bleibt aber weiterhin die Frage, welche Form des öffentlichen Umgangs sich aus dieser Sicht ableiten lässt.
Eine reine Entsorgung dieser Straßennamen und ein damit verbundenes Auslöschen der Vergangenheit ist mit Sicherheit der falsche Weg. So schwierig und teils unverständlich die öffentliche Debatte in Schwäbisch Gmünd auf manche von uns auch wirken mag, besitzt dies dennoch auch eine aufklärerische Funktion.
Blieben die Straßennamen erhalten und würde nur ein Zusatzschild angebracht werden, dann droht diese Form der Aufklärung in der öffentlichen Wahrnehmung den Kürzeren zu ziehen, weil die Beibehaltung des Namens stärker wiegen würde. Die andere Lösung, nämlich den Straßennamen zu ändern und an den bisherigen Namen durch ein Zusatzschild zu erinnern, dürfte aber nicht verschweigen, was sich mit der bisherigen Namensgebung verband und welche Motive bei der Ehrung wie bei der Umbenennung ausschlaggebend waren.
Zunächst müssten aber nicht wenige in dieser Stadt zu der Erkenntnis kommen, dass der Prozess der Erinnerungskultur nur mit der vorhergehenden Umbenennung der Straßennamen und der damit verbundenen Entehrung der Nationalsozialisten und Antidemokraten beginnen kann.
Schlussendlich merken wir gerade selbst, dass Erinnerungskultur ein Ergebnis eines komplexen Zusammenspiels vieler Akteure und Debatten ist. Inhalte und Art des Erinnerns können sich aber im Laufe der Zeit verändern und müssen auf der Basis des Grundgesetzes immer wieder neu gestaltet werden. Andere Städte machen das vor, auch in Gmünd ist die Zeit reif dafür.