Dreigliedriges Schulsystem ist ein Auslaufmodell

17. März 2010  Sebastian Fritz

„Dieser alte bildungspolitische Ansatz, wonach es drei Grundtypen gibt – den handwerklich Begabten mit wenig Intellekt für die Hauptschule, den mäßig handwerklich begabten mit mehr Intellekt, der auf die Realschule geht, und den wenig handwerklich begabten, aber dafür sehr intelligenten Schüler, der Abitur macht – diese Dreiteilung ist Ausdruck veralteten, ständischen Denkens. Dass passt nicht mehr in die Zeit.“ Diese Ausführungen sind nicht von mir, sondern in der Süddeutschen Zeitung am 07.01.2010 erschienen und stammen von dem Regierungschefs Hamburgs Ole von Beust.

Weiter ist in dem Interview zu lesen: „Wir sind, neben Teilen von Österreichs, in Europa das einzige OECD-Land, das noch nach vier Jahren trennt. Das ist geradezu ein Sonderweg den wir hier gehen.“

Die Stadt Schwäbisch Gmünd hat sich ja bei der Einführung der Werkrealschulen darauf verständigt, zunächst keine Schulschließungen vorzunehmen, um die Schülerbewegungen abzuwarten und dann in zwei Jahren entsprechend zu agieren.

Diese zwei Jahre sollten wir nicht tatenlos zusehen, um dann nur noch die Schließungen zu verkünden, sondern wir sollten sie nutzen, um dem Schulstandort Schwäbisch Gmünd eine Vorreiterrolle zu verschaffen!

1. Vorteil des längeren gemeinsamen Lernens

Die Kritik an der Werkrealschule habe ich schon ausführlich beschrieben. Ich möchte nur einen ganz eklatanten Punkt nochmals beleuchten:

Mit der Einführung der Werkrealschule wird der Hauptschulabschluss nochmals weiter entwertet und damit verschlechtern sich die Chancen auf einen Ausbildungsplatz für diese Jugendlichen erneut.

Diese weitere Aufgliederung des schon bestehenden dreigliedrigen Schulsystems bedeutet eine erneute Selektion, die genau das Gegenteil von dem befördert, was wir eigentlich wollen – nämlich Chancengleichheit für ALLE!

Dieser Chancengleichheit kann jedoch eine Gesamtschule eher gerecht werden, da die Kinder nicht schon in der vierten Klasse das Gefühl von „Du hast es geschafft und Du nicht“ bekommen.

Genau diese Auslese nach der vierten Klasse ist es, die heute den Kindern die Freude am Lernen nimmt, oft prägt diese Erfahrung, verloren zu haben, auch den weiteren schulischen Weg in negativer Form.

Außerdem wird durch solche Maßnahmen der Weg in eine Parallelgesellschaft mehr und mehr vorangetrieben. Die Kinder, die aus bildungsnahen Haushalten kommen, erleben von früh an Unterstützung und werden gefördert, und diejenigen, die eher aus bildungsfernen Haushalten kommen, gehen leer aus.

Genau darin besteht die Chance einer Gesamtschule, nämlich, dass die Kinder länger miteinander und somit auch voneinander lernen!

Ein Argument das einem Befürworter eines solchen Schultyps oft in der Diskussion begegnet ist, dass hinter der Gesamtschule nur Gleichmacherei stehen würde. Es gibt bei den Gesamtschulen nicht nur das eine Konzept, sondern auch hier gibt es viele verschiedene Ansätze wie man das konkret ausgestalten kann. Aber zur genaueren Ausgestaltung komme ich später noch zu sprechen.

2. Integration

Auch das Thema Integration spielt hierbei eine nicht zu unterschätzende Rolle. In Schwäbisch Gmünd haben wir insgesamt im Vergleich zu unseren Nachbarstädten eine geringe Übergangsquote von der Grundschule auf das Gymnasium. Erschreckend niedrig ist dieser Anteil bei den Kindern mit Migrationshintergrund.

Dies ist zum einen der frühen Selektion nach Schultypen geschuldet, denn die Kinder, die auf der Hauptschule landen, sehen nur eine geringe Möglichkeit, später noch an die Realschule oder an das Gymnasium zu wechseln. Zum anderen hängt dies mit Sicherheit auch mit der Gmünder Population zusammen. Doch das kann für uns keine Ausrede sein, sondern muss als Ansporn gesehen werden NEUES ZU WAGEN!

Ein weiterer Aspekt ist die sprachliche Entwicklung der Schülerinnen und Schüler. Die Grundschullehrerinnen und Grundschullehrer geben ihr bestes um alle Kinder gut vorzubereiten und diese wiederum profitieren alle gleichermaßen von diesen Anstrengungen und dann kommt ab der 3. Klasse der Bruch, da dort schon den Kindern gesagt wird, wenn Du in Deutsch auch so gut wärst wie in Mathe, dann könnte das klappen mit der Realschule oder dem Gymnasium. Am Ende landet dieses Kind dann oftmals trotzdem in der Hauptschule und wenn die Unterstützung von zu Hause da ist kann dies dann später trotzdem zu einem Real- oder Gymnasialen Abschluss führen, ist diese aber nicht da, dann reicht es oftmals nicht.

Die Zahlen an Gesamtschulen zeigen ein ganz anderes Bild auf. Sie können sich gerne selber versichern – schauen Sie mal auf der Internetseite der integrierten Gesamtschule in Mannheim – Herzogenried nach.

Darüber hinaus ist es eben auch ein Fakt, dass, wenn ich nicht schon in der Schule mit einheimischen Kindern täglichen Umgang habe, es umso schwerer fällt, dies in der Freizeit zu erfahren.

Auch das Argument des Kultusministeriums – der Durchlässigkeit des Schulsystems – kann ich so nicht teilen, da die Zahlen etwas ganz anderes aussagen.

3. Schulstandort Schwäbisch Gmünd

Wir haben in Schwäbisch Gmünd neben dem Haupt- und dem Realschulseminar auch noch die Pädagogische Hochschule, engagierte Rektorinnen und Rektoren, engagierte Lehrerinnen und Lehrer und natürlich nicht zu vergessen ein unter dem Dezernat 3 angesiedeltes Schul- und Sportamt!

Dieses Potenzial gilt es zu nutzen und für eine zukunftsweisende Bildungslandschaft zu gewinnen!

Das Konzept der Gesamtschule ist nichts Neues, aber wir haben in Schwäbisch Gmünd die Chance ein Konzept nach Maß unter Einbeziehung der eben genannten Institutionen und der für Gmünd spezifischen Anforderungen umzusetzen!

4. Chance für kleinere Schulstandorte

Ich möchte aber noch einen weiteren Aspekt einbringen. Wenn es uns in Schwäbisch Gmünd gelänge, die betroffenen Akteure über den Schulversuch mit einer Gesamtschule hinaus zu gewinnen, hätten wir über einen weiteren Schultyp die Chance die kleinen Stadtteilschulen zu erhalten.

Schleswig-Holstein hat uns dies vorgemacht und durch die Einrichtung sogenannter Regionalschulen, die auf dem Konzept einer Gesamtschule basieren, viele der kleineren Schulen zu erhalten.

Dies wäre auch für die kleineren Gmünder Schulen in den Stadtteilen denkbar, die nach Ablauf der zwei Jahre befürchten müssen als nächstes geschlossen zu werden. Nehmen wir das Beispiel Bargau: Hier gibt es seit geraumer Zeit eine engagierte Elternschaft die für den Schulstandort werben und dies in enger Kooperation mit der Schule auch betreiben. Warum soll es hier nicht möglich sein, über ein Konzept des Länger gemeinsames Lernens – das von dem einer Gesamtschule abweichen würde, aber in die gleiche Richtung zielt – nicht den Bargauerinnen und Bargauern die Entscheidungsfreiheit mit entsprechender Rückendeckung der kommunalpolitischen Akteure zu geben?

Auch wenn das Kultusministerium wie gehört diesem nicht offen gegenüber steht, sollten wir den Versuch dafür zu streiten nicht unversucht lassen! Das Kultusministerium muss von seiner Bestimmung her für das ganze Land Lösungen vorgeben, dabei gehen aber möglicherweise gute Ansätze – nämlich eine direkte Schulversorgung zu gewährleisten – unter und daher fordere ich Sie Herr Bürgermeister Bläse auf, diesem Thema nicht so einseitig gegenüber zu stehen!

Lassen Sie uns den vielzitierten demografischen Wandel nicht immer nur als Bedrohung ansehen, sondern lassen Sie uns versuchen, mit kreativen Ansätzen die solidarische Gesellschaft auszubauen und damit auch den Wandel zu einem Gewinn zu machen!

5. Konkretisierung und Umsetzung

An dieser Stelle möchte ich aber eines auch noch deutlich hinzufügen. Wenn der Schwäbisch Gmünder Gemeinderat sich entschließen sollte diesen Schulversuch beim Kultusministerium zu beantragen, dann sollten wir nach unserer Meinung keine weitergehenden Vorgaben zur Umsetzung der Gesamtschule machen. Vielmehr sollte es um eine Grundsatzentscheidung gehen, die dann von den entsprechenden Akteuren konkretisiert werden soll.

Wer sich übrigens mal eine Schule diesen Typs anschauen möchte, muss gar nicht soweit fahren, denn in Schwäbisch Gmünd gibt es schon eine – die freie Waldorfschule ist genau eine solche.

Wir von der im Aufbau befindlichen Fraktion DIE LINKE würden es außerordentlich begrüßen, wenn dem Antrag von Seiten des Gemeinderates stattgegeben würde um den Gmünder Kindern und deren Eltern eine neue Perspektive zu eröffnen und um dem Schulstandort Schwäbisch Gmünd einen zeitgemäßen Anstrich zu verpassen.

An dieser Stelle möchte ich einen Appell an alle in diesem Gremium richten. Ich gehöre diesem Gremium zwar noch nicht lange an, aber es genügt um mitzubekommen, dass es z.B. bei Straßenführung und bei gestalterischen Fragen starke Differenzen gibt, die auch im Streit enden können. Dies gehört zu einer lebendigen Demokratie dazu.

Aber ich möchte eindringlich davor warnen, dieses Thema als parteipolitische Schlacht auszufechten, sondern vielmehr offen gegenüber den genannten Argumenten für eine Gesamtschule zu stehen und dann eine Entscheidung zu treffen, denn bei Bildung geht es um mehr – um viel mehr!