DIE LINKE in der FAZ

28. Juli 2011  Presse, Redaktion

Jetzt soll es ein „Bad Spencer“ geben

Der Gemeinderat in Schwäbisch Gmünd wollte mit einer Facebook-Aktion Werbung für sich machen und bekam ein Demokratieproblem. Seitdem er Namensvorschläge für den Ortsumgehungstunnel über das Internet einholte, ist die Stadt im Ausnahmezustand.

Von Rüdiger Soldt, Schwäbisch Gmünd

Aus dem Internet auf die Straße: Junge Leute demonstrieren auf dem Bahnhofsplatz von Schwäbisch Gmünd für einen “Bud-Spencer-Tunnel”

Als Hermann Bauer ein kleiner Bub von elf Jahren war, gab ihm Carlo Pedersoli nach einem Schwimmwettkampf die Hand. Heute steht Bauer vor der Gmünder Stadthalle.

Aus dem italienischen Schwimmer ist später der Action-Filmstar Bud Spencer geworden. 1954 ist der „Stier von Rom“ noch einmal in der ostwürttembergischen Stadt gewesen, einige Schwäbinnen sollen noch heute raunen: „Mensch, hat der gut ausgesehe.“ „Ich bin für Bud-Spencer-City“, steht auf dem Pappschild, das Bauer geduldig vor die Foto- und Fernsehkameras hält. Das sei natürlich ein Scherz, eine Persiflage, sagt der Gmünder. „Der Pedersoli hat mich damals beeindruckt, weil er die italienische Fahne mit einer Hand gehalten hat.“ Im Streit über die Namensgebung für den teuersten Ortsumgehungstunnel Deutschlands rät er dann zu einem Kompromiss: „Ich denke, man sollte das Freibad in Bud-Spencer-Bad umbenennen.“

Seitdem der Gmünder Gemeinderat als „Bürgerkommune“ von sich reden machen wollte und Namensvorschläge für den Tunnel über das Internet einholte, ist die Stadt im Ausnahmezustand. Bud-Spencer-Fans veranstalteten eine „Montagsdemo“, sie nennen sich „Tunnelkids“ und schwärmen von einer „friedlichen Revolution“ in ihrer Stadt am Rande der Ostalb. Das Experiment nach dem Motto „Demokratie 2.0“ entwickelte sich innerhalb weniger Tage zu einem demokratietheoretischen Problem. Normalerweise machen die zuständigen Regierungspräsidien Vorschläge über die Benennung von Bauwerken der öffentlichen Hand. In diesem Fall verlinkte die Stadt ihre Homepage mit der Facebook-Seite, ohne dass sie geklärt hat, was sie mit dem Ergebnis einer solchen Internet-Befragung letztlich machen würde.

Gut 114.000 Unterstützer Pro “Bud-Spencer-Tunnel”

Was soll der gewählte Gemeinderat mit diesem Internetvotum anfangen? Wie bindend ist es? Welchen Wert hat das Votum? Am Mittwoch musste der Gemeinderat wegen des großen öffentlichen Interesses nun in der großen Stadthalle tagen, und Oberbürgermeister Richard Arnold (CDU), bekannt für seine gute mediale Selbstvermarktung, hatte große Mühe, der „Flash-Mob-Bewegung“ einen Kompromiss schmackhaft zu machen. „Das letzte Mal, dass wir in Gmünd eine solche Aufmerksamkeit bekommen haben, war wohl, als Barbarossa am 29. September 1168 nach Schwäbisch Gmünd – in die älteste Stauferstadt – eingeritten ist“, glaubt Arnold. „Und das nächste Mal am 7. Februar 1348, als Kaiser Karl IV. die Stadt besuchte.“ Seitdem rankten sich um diese Ereignisse „allerlei Geschichten“ nach dem Spencer-Motto: „Kurz, aber eindrucksvoll“.

Gut 114.000 Unterstützer hatte der Name Bud Spencer bei der Internetabstimmung auch mit Hilfe einer Facebook-Gruppe gefunden. Auf den Zuschauerplätzen in der Stadthalle sind die Spencer-Fans eindeutig in der Mehrheit. Arnold bittet seine Gemeinderäte und die Bürger darum, die Diskussion in „die Kirche“ zurückzuholen. Der Tunnel sei ein regionales Bauwerk, deshalb müsse er auch einen regionalen Namen bekommen. „Lassen Sie uns beim Tunnel regional bleiben, aber den Weltbürger Carlo Pedersoli für das Schwimmbad gewinnen“, sagt Arnold und beendet seinen Vortrag mit einem charmanten, aber deutlichen „Mille grazie“. Karin Rauscher, eine Gemeinderätin von den Freien Wählern, beschreibt das Dilemma zwischen gewählten Gemeinderäten und per Internet organisierter Bürgerbeteiligung ziemlich treffend: „Plötzlich war der Name Bud Spencer in der Welt: Was als Gag gedacht war, wurde plötzlich ein Problem für den Gemeinderat. Denn im Internet war ein Druck aufgebaut worden, aber repräsentativ ist dieses Votum nicht.“ Da hätten dann auf einmal Leute über den 230 Millionen Euro teuren Tunnel für die Bundesstraße 29 abgestimmt, die vielleicht viele Filme von Bud Spencer gesehen hätten, die aber vermutlich noch nicht einmal wüssten, wo Gmünd überhaupt liege.

Spencer-Fans quittieren das Ergebnis mit Buhrufen

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Dann stimmt der Gemeinderat ab. Schwimmbad nach dem heute 84 Jahre alten Filmschauspieler benennen – Entscheidung über den Tunnelnamen verschieben, lautet die Beschlussempfehlung. Fast alle im Gemeinderat vertretenen Parteien sprachen sich für diesen Kompromiss aus. 42 der Gemeinderäte stimmen mit Ja, sieben mit Nein. Die Spencer-Fans quittieren das Ergebnis mit Buhrufen, als Arnold es schließlich bekanntgibt. Er bedient sich noch eines Tricks und liest eine Stellungnahme Bud Spencers vor, die der Verlag, in dem seine Autobiographie erschienen ist, eingeholt hat: „Ja, es gefällt mir sogar besser, wenn das Schwimmbad nach mir benannt wird.“ Ich habe dort gewonnen, zitiert Arnold den Schauspieler. Die Facebook-Gruppe und die Spencer-Fans im Saal stellt das nicht zufrieden. Sebastian Fritz ist Lehrer an einer Grundschule und Gemeinderat für die Linkspartei. Die repräsentative Demokratie akzeptiert er, über die Wirkung dieser Abstimmung macht er sich dennoch Sorgen: „Man wusste ja nicht, was da entsteht. Es ist doch falsch, diesen vielen jungen Leuten, die sich beteiligen wollten, jetzt den Freibad-Kompromiss zu präsentieren.“

Schwäbisch Gmünd, die Stauferstadt mit ihren 60.000 Einwohnern, wird den Namen Bud Spencer nun wohl nicht mehr los. Wie hatte noch ein SPD-Stadtrat während der Diskussion gesagt: „Der Haudrauf entspricht dem Lebensgefühl der jungen Generation. Wir alle wären gern so heldenhaft, wie sich dieser Bud Spencer gibt.“ Im September muss nun noch ein Name für den Tunnel gefunden werden.

Text: F.A.Z.

Bildmaterial: dapd, dpa