Das Schmiedgassen-Dilemma

1000 Busse am Tag will keiner vor der Terrasse: Um die Schmiedgassen als Wohnquartier attraktiv zu machen, muss man den Busfahrplan ändern. Geht das, ohne den ÖPNV zu schwächen?

Schwäbisch Gmünd

Es ist wie ein Spiel um Gewinn und Verlust: Wer die Schmiedgassen lebenswerter machen will, muss den Busverkehr verändern. Der Gewinn wäre: Die Schmiedgassen werden der Honiggasse ähnlich, wo Wohnen im Erdgeschoss üblich, weil attraktiv ist. Der Verlust: Eine der wichtigsten Busrouten durch Gmünd fällt weg.

Lässt sich das Dilemma auflösen? Klar ist, dass beides nicht zusammengeht in den Schmiedgassen: Wohnen, Leben – und die von vielen genutzten Bushalteplätze. „Wir haben 1000 Busse am Tag in der Kapellgasse, also etwa 500 je Richtung in den Schmiedgassen“, sagt Alexander Trautmann vom Gmünder Baudezernat. Kein Mensch würde das vor seinem Wohnzimmer oder an seiner Terrasse wollen. „Wenn wir die nächste Stufe erklimmen wollen, brauchen wir auch eine Lösung für die Busse“, hat OB Richard Arnold darum betont.

Zugleich gibt es viele Bus fahrende Gmünder, die in den Schmiedgassen ein- und aussteigen aus dem Bus – und auf die Idee, dass sich das ändern sollte, mit Verlustängsten blicken.

„Das ist sicher die härteste Nuss bei dem Thema“, sagt Alexander Trautmann. Der Planer steigt übrigens selbst in der Schmiedgasse aus, wenn er den Bus nutzt – auch er schätzt die kurzen Wege: „Das hat schon was; das ist es ja, was den Öffentlichen Personennahverkehr attraktiv macht.“

Leben neben 30-Tonner-Diesel

Doch wenn es längerfristig nicht nur bei Stadt-Kosmetik bleiben soll, sondern Wohn- und Lebensqualität in den Gassen entstehen soll, scheint der Eingriff in die Busrouten unvermeidlich. „Das kann man von Anwohnern nicht verlangen: dass sie neben 30-Tonner-Dieselbussen leben wollen“, sagt Linke-Stadtrat Sebastian Fritz, dessen Fraktion sich auch Gedanken gemacht hat, wie die Zukunft für den Verkehr in den Schmiedgassen aussehen könnte.

Die radikalste Lösung hat die Stadtverwaltung skizziert: eine komplette Verlagerung des Busverkehrs in die Remsstraße. „Für den Fahrplan ist das natürlich eine Katastrophe“, das war die erste Reaktion von Stadtbus-Geschäftsführer Dirk Masanetz. Ihm fallen diverse Folgefragen ein, die bedeutendste ist die nach dem Platz für haltende Busse, zum Beispiel in Richtung Bahnhof: „Da gibt es bisher nur eine kleine Haltestelle beim Sägbock.“

Der Platzbedarf in einer Zukunft, wie sie die Landespolitik anstrebt, wäre dagegen enorm: „Das Land, das den ÖPNV bis 2030 verdoppeln will, möchte einen integralen Taktfahrplan. Das könnten dann acht Busse von uns sein, und noch mal fünf von Fahrbus – gleichzeitig.“ Masanetz fügt hinzu: „Eine spannende Frage ist auch: Wie kommen die Fahrgäste, besonders ältere und in der Mobilität eingeschränkte Menschen, über die Remsstraße?“

Helfen kleine Elektrobusse ?

Um die Bus-Passagiere auch weiterhin nah an die Innenstadt zu bringen, schlägt die Linke-Fraktion vor, den Einstieg in ein System zu prüfen, bei dem die großen Busse vorwiegend die Stadtränder ansteuern, wo die Fahrgäste auf kleine Elektrobusse umsteigen können. „Wenn die Gartenschau eines gezeigt hat, dann, wie attraktiv das sein kann“, sagt Stadtrat Sebastian Fritz und spricht von einer „Hop-on-hop-off-Lösung mit kurzer Taktung, alle zehn Minuten“.

Dirk Masanetz sieht dabei allerdings ein Kapazitätsproblem, denn übliche Elektrobusse bieten nur rund 20 Fahrgästen Platz. „Um ein Beispiel zu nehmen: Die Linie eins schafft mit einem Gelenkbus und einem Solobus 100 Fahrgäste – dafür bräuchte man schon fünf kleine Busse. Und das ist nur eine Linie.“ Der Stadtbus-Chef befürchtet außerdem gravierende Auswirkungen auf die Pünktlichkeit: „Die Remsstraße ist nicht verlässlich, man kann super gut durchkommen – oder auch 20 Minuten brauchen.“ Die Ledergasse sei da verlässlicher. Und dann ist da noch ein Szenario, das unvermeidlich gelegentlich vorkommt in Gmünd: die Sperrung des Tunnels. Die würde bei einer Busroute durch die Remsstraße zu mehr Verspätungen als bisher schon führen, da ist sich Masanetz sicher: „Dann ist es vorbei.“

Wenn man etwas Positives sehen will: Über das Dilemma, von dem noch niemand weiß, wie es aufzulösen ist, muss nicht gleich entschieden werden. Die „nächste Stufe“, wie der OB sich ausdrückt, kann erst später angegangen werden. Denn in einem ersten Schritt der Umgestaltung, der in diesem Sommer angepackt werden soll, bleibt der Busverkehr zunächst unberührt. „Das käme erst in Phase zwei und drei“, sagt der Gmünder Baubürgermeister Julius Mihm.

Mit Freude am Experimentieren

Der erste Schritt der Umgestaltung soll so rasch wie möglich begonnen werden, dazu soll auch das Bürgerforum im Stadtgarten an diesem Dienstagabend betragen (siehe Info). Mit Experimentierfreude will die Stadt an die Umgestaltung herangehen, Ideen von Händlern und Anwohner sind ausdrücklich erwünscht. „Das Projekt hat ein bisschen die Überschrift: mal was ausprobieren“, sagt Planer Alexander Trautmann.

Wir haben 1000 Busse am Tag.“Alexander Trautmann,, Baudezernat Stadt Gmünd

Info: ein Bürgerforum im CCS Stadtgarten

Mitdiskutieren: Wie kann aus den Schmiedgassen ein lebendiger Ort mit „Verweil- und Wohlfühlplätzen“ entstehen, wie lässt sich dafür eine Verkehrsberuhigung schaffen? Das iist die Frage, die die Verantwortlichen der Stadtverwaltung mit Bürgern diskutieren wollen: bei einem Bürgerforum an diesem Dienstag, 8. Juni, ab 18 Uhr im Peter-Parler-Saal des Congress-Centrums Stadtgarten. „Anlieger und Beteiligte des Projekts Schmiedgassen“ sollen laut Stadt dabei mitreden und Ideen einbringen können.

Fortsetzung der Gartenschauen: Im Grunde geht es darum, den großen Stadtumbau zur Landesgartenschau 2014 und zur Remstal-Gartenschau 2019 nun auch dort fortzusetzen, wo es noch keine Neugestaltung gegeben hat. Seit dem letzten Sommer ist dabei das Quartier Schmiedgassen im Blick.

Corona-Test vor Ort: Teilnehmer des Bürgerforums brauchen einen tagesaktuellen negativen Corona-Test. Dazu werden im CCS von 17.15 bis 18 Uhr Schnelltests angeboten. Geimpfte und Genesene mit Nachweis sind von der Pflicht ausgenommen.

Copyright Gmünder Tagespost, 08.06.2021