Damit das Obdach bleibt

22. September 2017  Gemeinderat, Presse, Redaktion, Sebastian Fritz

Hartz IV kommt zum 1. September aufs Konto. Es ist die letzte Überweisung, die der Gmünder vom Jobcenter erhält. Sein nächstes Einkommen bezieht er als Lohn von seinem neuen Arbeitgeber. Allerdings erst zum 15. Oktober. 15 Tage, nachdem die Miete fällig war. Sie von Ersparnissen bezahlen? Er hätte keine Sozialleistungen bekommen, wenn das möglich wäre. Oft fängt so eine Spirale von Zahlungsrückständen an, die zur Kündigung der Wohnung führen kann, weiß Hans-Peter Reuter, der beim Amt für Familie und Soziales die Abteilung Wohnen und Wohnungsnotfallhilfe leitet. Er stellte im Sozialausschuss vor, mit welchen Fällen die 2014 eingerichtete Fachstelle Wohnungsnotfallhilfe bislang betraut war.

Auffällig sei: „Die Zahl der Wohnungsnotfälle ist in den vergangenen zwei Jahren erheblich gestiegen“, sagte Hans-Peter Reuter. Zu Wohnungsnotfällen zählt er alle der Fachstelle bekannten Fälle von drohender Obdachlosigkeit wie Mietschulden, Wohnungskündigungen, Räumungsklagen und Zwangsräumungen, aber auch Stromschulden sowie andere Wohnungsprobleme. Mit 140 Fällen waren die Mitarbeiter 2014 betraut, 2016 waren es schon 430. Bis 31. August zählte die Fachstelle dieses Jahr 260 Wohnungsnotfälle und zusätzlich 110 Fälle, in denen die Wohnungsnotfallhilfe bei der Unterbringung von Flüchtlingen geholfen hat. Hinter diesen Zahlen stünden oftmals Familien, es seien also weit mehr Menschen, die von der Wohnungsnotfallhilfe profitiert haben, berichtete Hans-Peter Reuter.

Bei 95 Prozent der Fälle habe die Fachstelle verhindern können, dass die Menschen obdachlos werden. „Wir versuchen, die Wohnung zu erhalten, wenn es irgendwie möglich ist“, sagte Reuter. Indem die acht Mitarbeiter mit dem Vermieter vermittelten, mit den Stadtwerken Ratenzahlung vereinbarten oder ein Darlehen aus dem auf Spenden basierenden Wohnungsnotfallhilfefonds gewährten. Seit 2015 wurden über die Hospitalstiftung 41 Darlehen mit einer Gesamtsumme von 30 982 Euro ausbezahlt. Davon haben die Schuldner bisher 13 927 Euro zurückbezahlt.

Es gebe eine Vielzahl an Gründen, warum jemand von Obdachlosigkeit bedroht sei. Der Verlust des Arbeitsplatzes, Suchtprobleme, Verschuldung, die Trennung vom Partner, zählte Reuter auf. Es seien auch Selbstständige betroffen, deren Kunden die Rechnungen nicht bezahlen. Oder die Leute beantragen Sozialleistungen zu spät. Oft sei ein falscher Umgang mit Geld das Problem. „Ein kleiner Fehler kann schon ausreichen, dann klagen die Vermieter ihre Mieter aus der Wohnung“, berichtete er. Dazu kommt: „Der Zugang zum Wohnraum wird schwieriger.“ Gmünd habe in den vergangenen Jahren Einwohner gewonnen, es seien aber nur wenige Wohnungen gebaut worden. „Dies führt zu einem größeren Konkurrenzkampf um freien und günstigen Wohnraum“, weiß Hans-Peter Reuter.

Der Zugang zum Wohnraum wird schwieriger.
Hans-Peter Reuter, Leiter der
Abteilung für Wohnungsnotfallhilfe
Er kritisierte, dass die Mietobergrenzen für Sozialleistungen im Ostalbkreis zu niedrig seien angesichts des Wohnungsangebots. Konkret: 405 Euro wird einem Zwei-Personen-Haushalt für die Miete zugestanden, inklusive Nebenkosten mit Ausnahme von Heizung, Strom und Warmwasser. Selbst bei der Vereinigten Gmünder Wohnungsbaugesellschaft (VGW), die zu den günstigsten Vermietern in Gmünd gehöre, lägen ein Viertel der Wohnungen über dieser Obergrenze. Sobald die Nebenkosten um 30 Euro steigen, seien es die Hälfte aller VGW-Wohnungen, die aus dem Raster fallen. Daher appellierte Reuter an Sozialdezernent Josef Rettenmaier vom Landratsamt, die Obergrenzen anzupassen. „Das wird nächstes Jahr Thema im Kreistag“, antwortete dieser.

Hausaufgabe: Wohnraum
Bürgermeister Dr. Joachim Bläse sagte, „beim Konzept für bezahlbaren Wohnraum sind wir auf der Zielgeraden“. Hier müsse etwas passieren, bekräftigte Sebastian Fritz (Linke). Er und weitere Stadträte lobten den Einsatz der Wohnungsnotfallhilfe. Brigitte Schoder (SPD) fasste zusammen: „Wir haben unsere Hausaufgaben notiert: Mietobergrenze und bezahlbarer Wohnraum.“

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© Gmünder Tagespost 21.09.2017 18:38