Beim Wohnungsbau auf die Überholspur

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Das Deyhle-Areal in Gmünds Innenstadt: Dort sollen in den nächsten Jahren Wohnungen entstehen. Sie sind Teil der insgesamt 665 Wohneinheiten, die aktuell in der Planung sind. Gmünd, das ist Ziel der Verwaltung, will weitere Einwohner gewinnen. Foto: Tom

Stadtentwicklung Oberbürgermeister Richard Arnold will die Einwohnerzahl bis 2027 um 10 000 Bürger erhöhen. Die Stadt will damit ihre Einnahmen steigern und die Infrastruktur sichern.

Oberbürgermeister Richard Arnold will Gmünd beim Wohnungsbau auf die „Überholspur“ bringen. Dazu nennt er ein Ziel: 10 000 neue Einwohner in zehn Jahren. Arnold sieht dafür mehrere Gründe: Er will damit Gmünds Einnahmen bei der Einkommensteuer steigern. Denn die Gemeinden erhalten für jeden Bürger einen Anteil von der Einkommensteuer. Arnold will damit aber auch die bestehende Infrastruktur besser nutzen, Schulen, Bäder, Museen und Bibliothek besser auslasten. Dies, sagt der Oberbürgermeister, sei nicht nur ökonomisch, sondern auch ökologisch sinnvoll. 2017 werden in Gmünd Wohnbaugebiete im Taubental, im Bargauer Strutfeld, in der Lindacher Osterlängstraße, auf den Straßdorfer Käppelesäckern und auf dem Deyhle-Areal in der Innenstadt erschlossen.

Insgesamt sind dies 345 Wohneinheiten in der Innenstadt und 320 Wohneinheiten in den Stadtteilen, fasst Stadtsprecher Markus Herrmann zusammen. In den vergangenen fünf Jahren hat Gmünd 2376 Einwohner gewonnen, die Einwohnerzahl liegt nun bei 60 481. Um 70 000 Einwohner zu erreichen, muss die Stadt ihre Anstrengungen deutlich erhöhen. Bestehende Baugebiete abrunden, Brachflächen, auch in Stadtteilen, nutzen. Ortskerne gestalten, wie aktuell in Straßdorf oder Wustenriet, Mietwohnungen in der Innenstadt mit Balkon oder Loggia modernisieren, bei den Gebäuden, wo’s sich anbietet, höher bauen und natürlich neue Baugebiete ausweisen – die Liste der Vorschläge, mit denen die Verwaltung ihr Ziel erreichen will, ist lang. Sie hat dabei frühere Diskussionen im Gemeinderat im Hinterkopf. In denen Stadträte anmahnten, nicht endlos Flächen zu verbrauchen und Frischluftschneisen zu verbauen. „Wir werden auf die Schneisen achten und auch Grünzonen belassen“, sagt Herrmann. Solche wie die zwischen Straßdorf und Gmünd oder zwischen Wustenriet und dem Vogelhof. Die Stadt habe das Klima im Auge und auch den Lärm. Mit dem Gemeinderat hat die Verwaltung in einer Klausur Flächen angeschaut. Bestimmt, was außen vor bleiben soll. Doch „wenn man weiß, wo man nicht bauen soll, weiß man auch, wo man bauen kann“, sagt Herrmann. Und: „Das werden wir auch tun.“ Die Verwaltung will schnell konkret werden. Denn Gmünd habe in den vergangenen Jahren die Abwärtsspirale „mit vielen Bemühungen und Investitionen“ gedreht. Und sei, als Stadt am Rande der Metropolregion Stuttgart, attraktiv geworden. Die Region, ist Herrmann überzeugt, dränge stärker nach außen. „Von dort speist sich die Zahl“, erklärt er das Ziel 10 000.

Sicher ein ambitioniertes Vorhaben.

Martin Ratering,
Statistisches Landesamt

„Sicher ein ambitioniertes Vorhaben“, sagt dazu Martin Ratering vom Statistischen Landesamt in Stuttgart. Seine erste Einschätzung: Es habe einen solchen Bevölkerungszuwachs in einer Gemeinde in jüngster Zeit nicht gegeben. Doch „dürfte es durch Zuwanderung vergleichbare Entwicklungen in den 50er- und 60er-Jahren gegeben haben“. Arbeitsplatzangebot, auch in umliegenden Gemeinden, und Wohnungsmarkt seien Faktoren der Einwohnerentwicklung.

Was die Gmünder Fraktionen zu 10 000 Einwohnern in zehn Jahren sagen

Alfred Baumhauer, CDU:
„Wenn wir den Einwohnerzuwachs der vergangenen Zeit aufrechterhalten und vielleicht sogar noch verstärken können, so ist diese Größenordnung durchaus möglich, wobei gleich 10 000 sehr sportlich ist. Wichtiger als die genaue Ziffer ist ja das Ziel. Wir sollten alle Möglichkeiten nutzen: Freie Grundstücke in den Ortsteilen und der Kernstadt, Nachverdichtung in bestehenden Bauten, Aufstockungen und Dachbodenausbau. Aber für uns gehört selbstverständlich auch die Ausweisung von neuem Bauland dazu.“

Sigrid Heusel, SPD:
„10 000 neue Einwohner in zehn Jahren halten wir nicht für realistisch und mit den Rahmenbedingungen für eine nachhaltige und maßvolle Entwicklung nicht vereinbar. Gmünd ist in den letzten fünf Jahren um rund 2000 Einwohner gewachsen. Aktuell sind 20 Projekte in der Planung. Damit werden rund 700 Wohneinheiten für geschätzt 1900 neue Einwohner erstellt. Bei der Entwicklung neuer Baugebiete ist ein maßvolles Handeln notwendig, das dem Klima- und Landschaftsschutz sowie den Bedürfnissen der Einwohner und den Anforderungen an bezahlbaren Wohnraum gerecht wird. Die Innenentwicklung vorhandener Wohngebiete sollte grundsätzlich Priorität haben.“

Alexander Schenk, Grüne:
„Wir sehen auf dem Hardt Wohnraum für 2500 Menschen. Auf weiteren Innenentwicklungsflächen könnte in der Stadt und in den Stadtteilen nochmals Platz für 2500 Neu-Gmünder geschaffen werden. Für die restlichen 5000 Neubürger müssten aber über 1500 Bauplätze auf circa 750 000 Quadratmeter ‚grüner Wiese‘ neu entstehen. Ein solcher Eingriff in die Naturlandschaft ist zu groß und bringt die regionale Landwirtschaft in große Bedrängnis. Ein plus von 5000 Einwohner ist im Innenbereich umsetzbar.

Ullrich Dombrowski, BL:
„Gmünd muss mehr Einwohner gewinnen, weil die Gewerbesteuer Unwägbarkeiten hat. 10 000 Einwohner sind ein stolzes Ziel. Ich habe Bedenken, dass wir das hinbekommen. Wir stehen im Wettbewerb mit anderen Städten. Lücken sehe ich keine, wir müssten in den Teilorten Bauland ausweisen.

Karin Rauscher, FWF:
„Dies sind 1000 Einwohner pro Jahr, das ist ambitioniert. Früher war’s die Gewerbesteuer, heute heißt das Zauberwort Einwohner. Wohnfläche entsteht, indem wir Baugebiete abrunden und nachverdichten und, auch in Teilorten, neue Wohngebiete ausweisen. Mit Augenmaß.“

Sebastian Fritz, Linke:
„Bei aktuell niedrigen Zinsen ist es realistisch, dass Gmünd weiter Einwohner gewinnt. Wir müssen dabei auch denen mit kleinem Geldbeutel gerecht werden. Unerlässlich ist, dass Gmünd ein Mobilitätskonzept entwickelt, das ÖPNV und Rad als Verkehrsmittel Vorrang einräumt. Zurecht kritisiert OB Arnold immer wieder Nachbarkommunen für maßlose Baupolitik. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht denselben Fehler begehen. Innenstadtklima hat oberste Priorität.“

© Gmünder Tagespost 27.01.2017 18:49